Ziel

Die vorliegende Unterrichtseinheit soll die Schüler_innen für zentrale Aspekte von Onlinemedien sensibilisieren. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Vielmehr sollen Themen angesprochen werden, die eine wichtige Rolle für Jugendliche einnehmen. Dazu gehören vor allem die Onlinekommunikation und der Umgang mit persönlichen Daten. Aber auch die interessengeleitete Suche nach Inhalten – egal ob zur Unterhaltung oder zur Information – sind wichtige Lernziele. Besonders bedeutsam in der Unterrichtseinheit sind zudem Phasen zur Selbstreflexion der persönlichen Onlinemediennutzung. Neben theoretischen und selbstreflexiven Inhalten dieser Einheit finden sich auch immer wieder praktische Aufgaben, die unterstützend beziehungsweise beispielhaft zur Erreichung des Lernziels beitragen sollen.

Relevanz

Vernetzung für die Wissenschaft

Kein Medium hat sich seit seiner Entstehung so radikal verändert und weiterentwickelt wie das Internet. Ursprünglich geplant als „sicherer Kommunikationsweg“ und „elitäre Austauschplattform“ für die Wissenschaft hat es sich zu einem globalen, offenen und partizipativen Medium gewandelt, dem nicht selten auch eine Rolle in politischen Umbruchsituationen – wie z.B. während des Arabischen Frühlings – zugesprochen wird. Dabei hat alles ganz klein angefangen. Die erste vernetzte Struktur bestand lediglich aus vier Knotenpunkten, die miteinander kommunizieren konnten. Dabei wurden die Informationen zu Paketen gepackt und unter der Nutzung einer Adresse verschickt. Aus dieser sehr einfachen Struktur – übrigens in der Universität von Kalifornien erstmals installiert – entwickelten sich fortan zwei unterschiedliche Nutzungszwecke: ein Netzwerk für den wissenschaftlichen und eines für den militärischen Gebrauch.

Vom „Elitenetz“ zum globalen Netzwerk

Seinen Durchbruch erfuhr das Internet durch die Entwicklung des „World Wide Web“ im Jahr 1992 im europäischen Kernforschungszentrum CERN. Mit dem WWW oder W3 auf der Grundlage der Auszeichnungssprache HTML entstand erstmals eine „massentaugliche“ Benutzeroberfläche, mit der multimediale Präsentationen von Inhalten möglich waren. Ebenfalls anfangs als Kommunikations- und Informationssystem für wissenschaftliche Zwecke genutzt, wuchs das WWW in den Folgejahren sprunghaft. Erste Internetprovider und Suchmaschinen entstanden und Domainnamen wurden kostenpflichtig. So erfuhr das Internet eine Kommerzialisierung, die zugleich den Zugang für die breite Masse ermöglichte.

Dabei scheinen die Zugangswege der späten neunziger Jahre aus heutiger Sicht wie ein steinernes Fossil. Durch die rasante technische Entwicklung hat sich von der relativ langsamen Datenverbindung via Modem mit einem Desktoprechner bis zu heutigen mobilen Nutzungsformen mit dem Smartphone oder Tablet ein vielfältiges, nahezu unüberschaubares und schnelles Medium entwickelt, an dem eine Vielzahl von Menschen teilhaben können. Gab es im Jahr 2000 circa 361 Millionen Menschen mit einem Zugang zum Internet, so wurde es 2014 von mehr als 2,9 Milliarden Menschen genutzt. Und das Netz wächst weiter. Gerade in Schwellenländern steigt die Rate der Internetnutzung stetig. Gleichzeitig können die Nutzer_innen das Internet mitgestalten, eigene Inhalte produzieren und somit auch zu der genannten Vielfalt beitragen. Mit Web 2.0-Angeboten wie z.B. Blogs, Soziale Netzwerke oder Video-on-Demand-Plattformen ist dies ohne große technische oder inhaltliche Hürden möglich. So nutzen 1,35 Milliarden Menschen Facebook, 288 Millionen Menschen Twitter. Weltweit werden täglich Videos mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden wiedergegeben – die Mehrheit davon selbst von den Nutzer_innen erstellt[1]. Das ehemalige Wissenschaftsnetz hat sich also zu einem Netz für (fast) alle Menschen entwickelt.

Zugänge

Die Zugänge zum Netz und die jeweiligen Nutzungsformen sind höchst unterschiedlich. Dabei handelt es sich weniger um ein technisches als ein inhaltliches Problem. So findet vor allem in bildungsbenachteiligten Milieus meist eine einseitige Nutzung des Internets zur Unterhaltung und Spiel statt.

Ältere Menschen trauen sich nur in einer geringen Prozentzahl an das für sie neue Medium heran. Gerade die Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten und die für sie ungewohnte Nutzung von Computern oder Smartphones stellt sie dabei vor schwer zu bewältigende Herausforderungen. Doch mit der zunehmenden Verlagerung von Serviceangeboten, Kontoverwaltung und Behördengängen ins Internet stellt sich hier die gesellschaftliche Aufgabe, auch älteren Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen.

Kindern und Jugendlichen ist das Netz nicht fremd. Im Gegenteil: Sie gehen fast intuitiv und mit großer Neugierde mit Internetangeboten um und erkunden das WWW interessengebunden, wachsen sie doch mit der digitalen Technologie auf. Dabei trennen sie – im Gegensatz zu vielen Erwachsenen – das Internet nicht von ihrer „realen“ Lebenswelt, sondern verstehen es als einen Teil davon. Freundschaften werden sowohl in der Schule und im Sozialen Netzwerk gepflegt, Lernen findet nicht nur in der Schule statt, sondern eben auch im Netz, Computerspiele sind ein genauso anerkanntes Hobby wie das Fußballspiel mit Freunden. Dass das Internet nicht mit realen Erlebnissen und Mechanismen gleichzusetzen ist, wird dabei jedoch manchmal vergessen. Besonders die spezifischen Kommunikationsformen, die Preisgabe persönlicher Daten und die Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken bieten dabei durchaus auch Angriffsflächen für negative Erfahrungen.

Erwachsene hingegen nutzen das Internet weitaus weniger intuitiv. Sie stehen – je nach Alter – neuen medialen Formen auch skeptisch gegenüber und prüfen deren Zweck, Nutzen und mögliche Nachteile. Auch fällt ihnen die Nutzung von Angeboten – z. B. solchen im Web 2.0 – oftmals schwerer als Jugendlichen, die sozusagen einfach „drauf los klicken“. Auch die inhaltliche Nutzung unterscheidet sich. Nutzen Erwachsene das Internet häufig sehr zielgerichtet und zu Berufs- und Informations- sowie Kommunikationszwecken, so spielt für Jugendliche vor allem Kommunikation und Unterhaltung eine zentrale Rolle.

Das Netz der Vielfalt – überall und zu jeder Zeit

Mit der Vereinfachung der technischen Zugänge und einer Verbesserung technischer Infrastrukturen haben sich Nutzungsdauer und Nutzungsvielfalt im Internet kontinuierlich erhöht. Für nahezu jedes Interessengebiet kann man inzwischen fachspezifische Informationen finden beziehungsweise via Web 2.0-Angebote selbst erzeugen. So individualisiert sich der Zugang zu Informationen ebenfalls. Während beispielsweise Nachrichtensendungen im Fernsehen eine zuvor ausgewählte Bandbreite an Informationen bereitstellen, ist es durch das Internet möglich, auch persönliche Interessen und Informationsbedürfnisse spezifisch zu berücksichtigen. Zugleich sind aber auch Nachrichtenportale im Internet beliebte Quellen, da hier Informationen zeit- und ortsunabhängig zur Verfügung stehen. Man braucht in diesem Falle eben nicht mehr bis zur Hauptnachrichtensendung vor dem Spielfilm oder dem „Tatort“ zu warten.

Nicht nur Informationen werden individuell im Internet gesucht und verarbeitet. Einen ebenso großen Stellenwert hat die Kommunikation über Online-Medien. Die Vielfalt dabei ist enorm. Von der inzwischen fast klassischen E-Mail über Instant Messenger bis hin zu Sozialen Netzwerken und Chatprogrammen können für unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse die passenden Dienste ausgewählt werden. Auch hier ist die (zumeist) zeit- und ortsunabhängige Kommunikation von Bedeutung, denn praktisch von jedem Ort der Welt mit Internetzugang kann man mit Kolleg_innen, Freund_innen oder der Familie kommunizieren. Dabei müssen Gesprächspartner_innen nicht in jedem Fall zeitgleich das Gerät nutzen. Damit einher geht eine spezifische Dynamik der Kommunikation in Onlinemedien – angefangen bei der Entwicklung von speziellen Abkürzungen und spezifischen Begriffen bis hin zu Emoticons zur Darstellung von Gefühlen, Sarkasmus oder Ironie (z.B. der wohl bekannteste Smiley: J, der Freude ausrücken soll; die Abkürzung „lol“ – laughing out loud; oder ein wütender Smiley: >:-@). Gleichzeitig müssen die Kommunikationsspezifika erlernt sein und bergen ebenso die Gefahr von Missverständnissen bis hin zu spezifischen Kontaktrisiken im Netz.

Ein dritter und vor allem für Kinder und Jugendliche wichtiger Aspekt sind Unterhaltungsformate in Onlinemedien. Dabei reicht die Bandbreite von den Mediatheken der Fernsehanbieter über Video-on-Demand-Plattformen mit eigens für das Web produzierten Inhalten bis hin zu Online-Spielen. Auch spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche tragen zu einer zielgruppenspezifischen Angebotsstruktur bei. Jedoch ist mit der Vielfalt der Angebote auch das Risiko verbunden, dass nicht alle Inhalte für Kinder und Jugendliche geeignet sind. Dazu gehören nicht nur Pornografie oder extreme Gewaltdarstellungen, sondern ebenso Inhalte, die Kinder und Jugendliche verängstigen oder solche, die sie in irgendeiner Form negativ beeinflussen können (siehe hierzu Unterrichtsthema „Einführung in den Jugendmedienschutz“). Diese Risiken treten nicht nur in Unterhaltungsangeboten, sondern ebenso in Kommunikations- und Informationsangeboten auf. Auch aus diesem Grund ist eine Beschäftigung im schulischen Kontext von Bedeutung.

Immer on? – Jugendliche Internetnutzung

Neben dem Fernsehen ist das Internet für Jugendliche zu einem Leitmedium geworden. Vor allem die vielfältigen Nutzungsszenarien machen es für eine intensive Nutzung attraktiv. Eine große Rolle spielt auch die sogenannte Medienkonvergenz, also der Umstand, dass immer mehr Funktionen von traditionellen Medien ins Netz wandern, z.B. Musik hören über YouTube statt im Radio, Nachrichten lesen im WWW statt in der klassischen Zeitung, Konversationen über Chat statt Telefon oder Brief. 81% der Jugendlichen nutzen das Internet täglich, 13% mehrmals pro Woche. „Fast jeder Zwölf- bis 19-Jährige besitzt ein eigenes Mobiltelefon (97 %), davon die meisten ein Smartphone mit Touchscreen und Internetzugang. Neun von zehn Jugendlichen (92 %) können vom eigenen Zimmer aus auf das Internet zugreifen. „.[2]

Die Bedeutung des Mediums ist für Jugendliche in den letzten Jahren weiter gestiegen. Eingestuft nach der persönlichen Wichtigkeit der genutzten Medien liegt das Internet vor „Musik hören“, Fernsehen und der Handynutzung an erster Stelle..[3] Dabei gehen die Jugendlichen – soweit sich dies aus wissenschaftlichen Studien ableiten lässt – auch durchaus kritisch mit dem Medium um. So stehen Tageszeitungen, Fernsehen und das Radio in Bezug auf ihre Glaubwürdigkeit mit Abstand vor dem Internet.[4]

So vielfältig wie jugendliche Bedürfnisse nach Kommunikation, Information und Unterhaltung sind, so vielfältig sind die Möglichkeiten im Internet. Dabei steht Kommunikation an erster Stelle – rund 44% der in der JIM-Studie befragten Jugendlichen nutzen das Internet für diesen Zweck. Dabei stellt sich heraus, dass Jugendliche vor allem mit Freund_innen und Bekannten kommunizieren. Die oftmals beschworene Gefahr des Kontakts zu wildfremden und potentiell gefährlichen Menschen ist in wissenschaftlichen Studien nicht beziehungsweise kaum nachgewiesen. Durchaus relevant jedoch ist das Problem des freizügigen Umgangs mit persönlichen Daten, das etwa zu Cybermobbing – also der Ausgrenzung und Beleidigung mittels digitaler Medien – führen kann.

Gleichzeitig dient die Onlinekommunikation und die Selbstdarstellung im Netz z. B. mittels Sozialer Netzwerke auch der Erprobung der (Selbst-)Wirksamkeit und unterschiedlicher Rollenbilder. Beide ergeben oftmals eine Einheit beziehungsweise bieten Anlass zur Kommunikation. Das Internet kann in diesem Sinne als Erfahrungsraum bezeichnet werden, der sozusagen „freiheitlich“ und zumeist fern der elterlichen Kontrolle erkundet wird. Somit haben Onlinemedien eine nicht zu unterschätzende Bedeutung in der Sozialisation und Identitätsentwicklung Jugendlicher und junger Erwachsener erworben.

Mit rund 25% nimmt Unterhaltung den zweiten Platz ein und scheint somit auch dem Fernsehen durchaus Konkurrenz zu machen – zumal die wichtigsten TV-Unterhaltungs-Formate inzwischen auch in den Online-Mediatheken der TV-Sender zu finden sind. Hier ergeben sich auch neue Kommunikations- und Bewertungsformen, schlagwortartig unter dem Begriff Social-TV zusammengefasst. An dritter und vierter Stelle folgen das Spielen und die Informationsbeschaffung im Netz.[5]

Gerade wegen seiner Nutzungsvielfalt ergeben sich in der Internetnutzung erhebliche Herausforderungen – etwa wenn es darum geht, den richtigen Inhalt für den jeweiligen Zweck zu finden und zu nutzen oder Internetangebote inhaltlich (aber auch ästhetisch) zu bewerten. So zeigen z.B. neuere Studien im Bereich von Sozialen Netzwerken auf, dass diese einen nicht unerheblichen Teil der Informationsbeschaffung im Netz ausmachen. Damit verbunden sind zuweilen nicht kenntlich gemachte Quellen, nicht zuzuordnende Herausgeber von Inhalten oder die schnelle Verbreitung von Falschmeldungen oder Gerüchten (hierzu finden sich im Unterrichtsthema „Realität und Fiktion“ zahlreiche Hinweise und Unterrichtsanregungen). Gleichzeitig vereinen Soziale Netzwerke weitere Nutzungsformen wie Unterhaltung durch eingebettete Videos oder integrierte Spieleangebote.

Zudem zeigt sich, dass Onlinemedien zwar eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für Jugendliche haben, aber andere, vor allem non-mediale Aktivitäten für sie ebenfalls besonders wichtig sind. Vor allem das Treffen in der Peer-Group, Aktivitäten mit der Familie oder auch Sport sind beliebte Freizeitgestaltungen. Oftmals kann auch eine Vermischung der Formen festgestellt werden, etwa wenn gemeinsam mit der Peer-Group Videos geschaut werden oder das letzte Status-Update auf Facebook diskutiert wird.

[1]          http://de.statista.com/, Zugriff: 24.09.2015
https://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html, Zugriff: 24.09.2015
[2]           vgl. ebd., S. 7ff
[3]           vgl. ebd., S. 12
[4]           vgl. ebd., 15
[5]           vgl. ebd., S.26