menu

„Unlearning Anti-Feminism on TikTok“: Bildung gegen Frauenfeindlichkeit

Auf TikTok sind seit einiger Zeit Videos zu sehen und am trenden, in denen Frauen, gekleidet im Stil der 50er Jahre, für ihre Partner backen und kochen. Was könnte daran schon weiter problematisch sein? Die Studienergebnissen des Projektes „Unlearning Anti-Feminism on TikTok“ zeigen: einiges. Denn hinter genau solchen scheinbar harmlosen Lifestyle-Videos verstecken sich auf TikTok — aber auch auf anderen Plattformen wie Instagram oder Snapchat — zunehmend antifeministische Rhetoriken und Narrative.

Besonders Jugendliche und junge Erwachsene sind für derartige Inhalte empfänglich und könnten sich den darin verbreiteten frauenfeindlichen Idealbildern und Ideen annehmen. Deswegen hat die Universität zu Köln gemeinsam mit dem Verein für politische Medienbildung mediale pfade zwischen Juni 2024 und Mai 2025 im Rahmen von „Unlearning Anti-Feminism on TikTok“ präventive Bildungsangebote für die Zielgruppe zwischen 15 und 25 Jahren entwickelt, welche diese in ihrer Handlungsfähigkeit stärken soll.

Die aus dem Projekt hervorgehenden Bildungsmaterialien sind kostenlos und frei zugänglich und basieren auf interdisziplinärer wissenschaftlicher Forschung und explorativen Interviewstudien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das Material beinhalten 13 Module, vielfältige und flexibel einsetzbare Methodensets, ein Glossar zu themenrelevanten Begriffen und zwei Workshop-Konzepte für einen kompletten, sechsstündigen Workshop oder einen verkürzten, dreistündigen Workshop. Dadurch kann der Workshop sowohl in formalen Kontexten wie Schulen, Berufsschulen oder Hochschulen als auch in non-formalen Bildungskontexten wie Vereinen oder Initiativen mit zeitlich beschränkten Möglichkeiten eingesetzt werden.

Kontextualisierung, Sensibilisierung und Mobilisierung: Grundvoraussetzungen gegen Antifeminismus

Neben den oben genannten Bildungsmaterialien hat das Projekt zudem 10 empirisch fundierte Handlungsempfehlungen formuliert. Diese richten sich in erster Linie an Lehr- und pädagogische Fachkräfte, können aber auch in der Elternarbeit oder bei der Medienbildung innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises eingesetzt werden.

Im Kern der Handlungsempfehlungen stehen drei Prinzipien: Kontextualisierung, Sensibilisierung und Mobilisierung. Danach müssen Lehrkräfte antifeministische Inhalte in den sozialen Medien erst einmal in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen. Gerade Diskurse aus dem rechten Spektrum wirken häufig polarisierend und emotionalisierend, was oft den kritischen Blick auf die realen Konsequenzen von antifeministischen Inhalten online trübt. Man muss auf die persönlichen Perspektiven und Wahrnehmungen der Schüler*innen eingehen, zur Reflexion des eigenen Verhaltens und Mediennutzungsverhalten online anregen und womöglich vorhandene problematische Sichtweisen dekonstruieren und aufarbeiten, ohne Schüler*innen persönlich dafür zu verurteilen. Bei diesem Reflexionsprozess können auch die Unterrichtseinheiten „Dein Medienalltag im Internet“ (30 Min.) und „Wie verhalte ich mich im Netz?“ (15 Min.) von Medien in die Schule helfen. Die Materialien führen Schüler*innen mit gezielten Fragen durch ihren eigenen Medienalltag und animieren zum Überdenken des eigenen Verhaltens in gängigen Risikoszenarien im Netz. Zudem können die Einheiten „Was ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?“ (35 Min.) und „Was ist Hate Speech?“ (20 Min.) Lehrkräfte bei der Erklärung dieser beiden übergeordneten Problematiken, die eng mit Antifeminismus in Wechselwirkung stehen, unterstützen und das Phänomen von Frauenfeindlichkeit weiter in das große Gesamtbild eingliedern.

Jugendliche und junge Erwachsene müssen für die Erkennungsmerkmale von antifeministischen Inhalten sensibilisiert werden. Nur so können sie tatsächliche Lifestyle-Videos von solchen mit versteckten Codes oder unterschwelliger frauenfeindlicher Rhetorik unterscheiden. So ist die 1950er-Ästhetik des zu Beginn beschriebenen Videos in Kombination mit dem starken Fokus auf die traditionelle Hausfrauenrolle beispielsweise ein klarer Indikator für das sogenannte antifeministische „Tradwife“-Genre. Neben spezifischen antifeministischen Codes kann darüber hinaus auch ein breiteres Verständnis von diskriminierenden Darstellungsformen im Internet hilfreich sein. Die Einheit „Mediale Stereotypen“ (25 Min.) geht auf eine Vielzahl solcher Stereotypen ein, während „Inszenierung von Influencer*innen“ (25 Min.) genauer auf die Rolle von Influencer*innen bei der Verbreitung von Gedankengut und Trends und deren Glaubwürdigkeit eingeht.

Darüber hinaus sollten Schüler*innen Antifeminismus nicht nur erkennen können, sondern es müssen aktiv Handlungs- und Diskursstrategien dagegen an sie vermittelt werden. Dabei ist es aber auch wichtig zu betonen, dass es durchaus legitim ist, sich von Diskussionen zu distanzieren, wenn diese keinen Raum für konstruktiven Diskurs bieten oder Grundrechte in Frage gestellt werden. Die Einheit „Wie kann ich mit Hate Speech umgehen?“ (45 Min.) befasst sich mit solchen Strategien gegen Hate Speech im Allgemeinen. Des Weiteren zeigen die Einheit „Wie kann ich demokratisch mitgestalten?“ (45 Min.) und das Modul „Ich im Netz und in der Gesellschaft“ nicht nur individuelle, sondern auch gemeinschaftliche, politische Handlungsmöglichkeiten auf und regen zur Vorstellung einer idealen Netzkultur an. Denn es ist wichtig, dass Jugendliche und junge Erwachsene wissen, dass es reell umsetzbare Alternativen zum derzeitigen Status Quo des Internets gibt, welche sie aktiv mitgestalten können.

Straßenumfragen schüren Hass und Diskriminierung

Unter dem Hashtag #straßenumfrage finden sich bei TikTok derzeit 2,8 Billionen Beiträge und auch auf YouTube verzeichnen entsprechende Kanäle hohe Zahlen an Abonnent*innen. Während solche Formate im Fernsehen und Radio schon lange fest etabliert sind, können Straßenumfragen in den sozialen Medien laut einer Analyse von jugendschutz.net ein Einfallstor für Hate Speech und Diskriminierung sein. Abwertende Aussagen werden oftmals mit mehr Klicks „belohnt“ und somit von einigen Content-Creator*innen bevorzugt in ihre Beiträge eingebaut. Die Befragten werden somit häufig auch selbst zur Zielscheibe von Cybermobbing und Belästigung online.

Gerade auf junge Menschen können solche Formate anziehend wirken, da sie so leicht Teil der Beiträge ihrer Lieblings-Influencer*innen werden und Anerkennung in ihrer Peergroup gewinnen können. Außerdem ist es wahrscheinlicher, dass Kinder und Jugendliche Creator*innen auf der Straße erkennen als Erwachsene. Deshalb filmen manche Influencer*innen gezielt an Orten, an denen sich Kinder und Jugendliche gerne aufhalten. Sie wollen deren spontane, ungefilterte Reaktionen und unüberlegte Aussagen und Handlungen festhalten, selbst wenn diese diskriminierende oder hassschürende Bemerkungen beinhalten. Später gestalten sie ihre Videos zusätzlich durch Schnitttechniken, reißerische Thumnails, Beitragstitel und nachträglich hinzugefügte Kommentare noch „unterhaltsamer“, um ihre Klicks bzw. die Reichweite und Sichtbarkeit ihre Inhalte auf Kosten der Betroffenen zu maximieren.

Anders als in herkömmlichen Umfrage-Settings ist in den sozialen Medien jedoch im Nachhinein schwerer nachweisbar, ob die Befragten zum Interview zugestimmt haben, überhaupt alt genug zum Erteilen ihres Einverständnisses sind oder ob Inhalte im Nachgang manipuliert worden sind. Dennoch führt die bloße Teilnahme an Straßenumfragen in den Kommentarspalten unter den Videos oftmals zu Beleidigungen und diskriminierenden Bemerkungen, etwa bezogen auf den Bildungsstand, vermeintlichen Migrationsstatus oder anderweitiger Gruppenzugehörigkeit der Befragten. Da diese in einigen Videos zudem ihre persönlichen Daten preisgeben (z. B. die Profilnamen ihrer Social-Media-Accounts), können solche Kommentare zu langfristigem Cybermobbing ausarten.

Bei der Aufbereitung der Themenkomplexe „Hass im Netz“ und „Cybermobbing“ für den Unterricht können folgende Materialien helfen:

Wie sich Extremismus unter Jugendlichen verbreitet

Ob in einem Zeitungsartikel, einem Social-Media-Post oder einer privaten Nachricht: Extremistische Ideen und Hassrede können sich überall „verstecken“. Aus diesem Grund hat sich jugendschutz.net — das Kompetenzzentrum für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet — im Jahr 2024 mit zwei Wegen beschäftigt, die verschiedene extremistische Gruppierungen zur Verbreitung ihrer Ideologien nutzen. Zum einen untersuchten sie, wie Rechtsextremist*innen in Discord-Communities aktiv werden. Dort streuen sie in Servern zu unverfänglichen Themen, wie dem Austausch über Hobbys oder gemeinsame Interessen, ihr Gedankengut unter Kindern und Jugendlichen. Zum anderen werteten sie die Social-Media-Posts von islamistischen Influencer*innen aus. So konnten gängige Formate identifiziert werden, welche diese zur Rekrutierung von jungen Menschen nutzen. Insgesamt war das Ziel beider Untersuchungen herauszufinden, wie sich Extremismus unter Kindern und Jugendlichen verbreitet und weswegen diese Inhalte bei jungen Menschen aktuell auf so große Resonanz stoßen.

Islam vs. Islamismus: Wo liegt der Unterschied?

Zuerst ist es wichtig zu verstehen, dass nicht alle Inhalte, die sich mit dem Islam befassen, extremistisch oder hassverbreitend sind. Oft wollen Muslim*innen online mit ihren Accounts nur über ihre Religion aufklären, mit Vorurteilen aufräumen, ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Islam teilen oder junge bzw. konvertierte Muslim*innen auf nützliche Ressourcen aufmerksam machen. Doch Islamist*innen nutzen genau diese aufklärenden Kanäle als eine Art Deckmantel. Sie reihen sich vermeintlich ein, um ihre tatsächlichen Absichten zu tarnen.

Obwohl sie nur eine Minderheit unter den Muslim*innen darstellen, präsentieren sich islamistische Influencer*innen als Ansprechpersonen, Vordenker*innen und Interessenvertreter*innen aller Muslim*innen. Dabei kann in erster Linie zwischen zwei Arten von Islamist*innen unterschieden werden: den Salafist*innen, welche sich die Rückkehr zu unzeitgemäßen, strengen Sitten und Regeln der islamischen Frühzeit wünschen, und den politisch-aktivistischen Islamist*innen. Diese propagieren die Ideen der in Deutschland verbotenen radikalen Bewegung Hizb-ut Tharir und den Wunsch nach einem globalen islamistischen Kalifat. Beide Gruppen nutzen die sozialen Medien aktiv, um potenzielle neue Anhänger*innen von ihren Ansichten zu überzeugen und für sich zu gewinnen.

Wie sehen islamistische Inhalte aus und an wen richten sie sich?

Die Mehrheit der islamistischen Accounts wird von Männern betrieben, die wiederum ebenso in erster Linie muslimische Jungen ansprechen. Allerdings gibt es durchaus weibliche islamistische Influencerinnen und Rezipientinnen. Diese Influencer*innen versuchen oft modern und modisch zu wirken. Sie verlosen beispielsweise Merchandise, um bei ihrer jungen Zielgruppe gut anzukommen und ihre Reichweite zu erhöhen. Anschließend nutzen sie ihren Influencer*innenstatus aus, um ihre Follower*innen dazu zu manipulieren, bedenkliche Inhalte und Hass zu verbreiten.

Jugendliche erreichen sie vor allem dadurch, dass sie konkret Themen aus deren Lebenswelt ansprechen und Orientierung ihnen bieten. In die Antworten auf Fragen Heranwachsender werden gezielt islamistische Ideen von ihnen eingewoben. So formulieren sie beispielsweise ihre frauenfeindlichen Ansichten oft als Antworten auf Fragen zu Liebe und Partnerschaft.  Sie stellen etwa die Unterwerfung der Frau als eine notwendige Voraussetzung für eine langfristige Beziehung dar. Auch queere Beziehungen und Transidentitäten werden strikt von ihnen abgelehnt. Inhalte der LGBTQ+ Community und Informationen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt werden als Propaganda des Westens gegen die islamischen Werte bezeichnet und abgewertet.

Generell versuchen solche Akteur*innen ein falsches, negatives Bild von Deutschland zu konstruieren und einen „Islamischen Staat“ im Kontrast als idealen Staat darzustellen. Dafür verzerren und verfälschen sie systematisch Inhalte und verbreiten gezielt Desinformation. Eine populäre Strategie ist, reale rassistische oder diskriminierende Ereignisse, die Jugendlichen Sorgen bereiten, als Teil einer fiktiven „anti-muslimischen Zwangsassimilation“ durch den deutschen Staat zu interpretieren. Dadurch soll in den Jugendlichen Misstrauen und Unsicherheit gegenüber Deutschland gesät werden.

Häufig werden auch andere Religionen konsequent abgelehnt. Besonders Juden*Jüdinnen werden als Feindbild betrachtet und sind oftmals das Ziel von Hate Speech. So missbrauchen Islamist*innen Fotos und Videos aus Gaza für ihre politischen Zwecke. Bilder von Kriegs- und Gewalthandlungen werden genutzt, um jüdischen Menschen einen allgemeinen Hass auf alle Muslim*innen zu unterstellen. Aus der Perspektive des Jugendmedienschutzes ist es zudem problematisch, wenn Kinder und Jugendliche mit diesen drastischen Bildern konfrontiert werden, weil diese traumatisierend und verstörend wirken können.

Rechtsextremismus auf Discord

Prinzipiell ist es nicht problematisch, wenn sich Kinder und Jugendliche über soziale Medien und Messenger-Dienste untereinander vernetzen, Kontakte knüpfen und Freund*innen finden. Vor allem junge Menschen, denen dies sonst schwerfällt, können davon profitieren. Discord ist eine der Plattformen, die häufig dafür genutzt wird.

Allerdings zielen diese Communities in bestimmten Servern darauf ab, Kinder und Jugendliche gezielt für extremistische und antidemokratische Gruppierungen zu rekrutieren und zur Annahme von radikalem Gedankengut zu „groomen“. Vor allem thematisch passende Server wie zum Interessensgebiet „Geschichte“ oder zu Videospielen, die im Zweiten Weltkrieg oder zur Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt sind, werden oft zur Verbreitung rechtsextremer Ideologien genutzt. Die Unerfahrenheit der Kinder und Jugendlichen wird dabei gezielt ausgenutzt, um sie emotional zu manipulieren. Zum einen greifen viele Rechtsextremist*innen dabei auf Komplimente und den persönlichen Austausch zurück. So soll Nähe geschaffen werden , aber auch Schuld und Scham geweckt werden, wenn Heranwachsende nicht gemeinsam mit den Rechtsextremist*innen an deren Aktionen teilnehmen oder deren Erwartungen erfüllen. Auf diese Weise werden junge Menschen langfristig zu immer extremeren Handlungen gedrängt. Oft geben sich erwachsene Extremist*innen auch als Gleichaltrige aus, um das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen zu gewinnen.

Zum Teil findet dieses „extremistische Grooming“ im ersten Schritt in öffentlichen Communities statt, in denen gezielt nach vulnerablen Kindern und Jugendlichen gesucht wird. Wenn ein*e Nutzer*in als potenzielles neues Mitglied der Gruppierung in Betracht gezogen wird, nehmen die Extremist*innen anschließend meist über private Nachrichten Kontakt auf, statt sich öffentlich im Server dazu zu äußern. Da dieser Austausch hauptsächlich im Verborgenen stattfindet, spricht man auch von „Dark Social“. Außenstehende wie Eltern, Freund*innen und Bekannte bleiben über diese manipulative Kommunikation „im Dunkeln“. Nur in sogenannten „Fringe Communities“ bzw. „Rand-Communities“, welche ausschließlich aus Extremist*innen bestehen, werden Betroffene auch im Gruppensetting indoktriniert. Verschiedene serverspezifische Nutzer*innen-Rollen können zusätzlich verwendet werden, um Hierarchien innerhalb der Gruppe herzustellen und junge Menschen zur weiteren Radikalisierung zu animieren.

Um diesem systematischen Säen von Misstrauen und Hass entgegenzuwirken, ist es wichtig Jugendliche für diese Taktiken zu sensibilisieren. Damit extremistische Ideen nicht weiterverbreitet werden. Außerdem ist es notwendig, junge Menschen dazu zu befähigen, konstruktiv auf derartige Inhalte zu reagieren und andere auf Desinformation und Hate Speech aufmerksam zu machen. Medien in die Schule und weitklick stellen dazu einige Materialien bereit, um diese Kompetenzen im Unterricht zu erlernen und zu stärken:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/BEVkXv7dREI

Adolescence: Die neue Netflix-Serie zu Incels, toxischer Maskulinität und geschlechterbasierter Gewalt

Als eine seiner Klassenkameradinnen ermordet wird, steht der 13-jährige Jamie als Haupttatverdächtiger im Mittelpunkt der Ermittlungen. Verhöre durch die Polizei und eine Psychologin, Tatortuntersuchungen und Gespräche mit seiner Familie und Freunden folgen — und offenbaren Jamies Aktivitäten in sogenannten „Incel-Communities“ online. Wie solche problematischen Online-Communities zur Verbreitung diskriminierender Ideologien und sogar zu erhöhter Gewaltbereitschaft führen kann, thematisiert die neue Netflix-Serie „Adolescence“ anhand der fiktiven Geschichte von Jamie Miller. Auch für Schulen werden Themen wie Incels, toxische Maskulinität und geschlechterbasierte Gewalt immer relevanter.

Was sind Incels eigentlich?

Der Begriff „Incel“ kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Bestandteilen „involuntary“ und „celibate“ zusammen. Übersetzt bedeutet dies so viel wie „unfreiwillig sexuell enthaltsam/zölibatär“. Denn Incels sind heterosexuelle Männer, die ungewollt single sind und keinen sexuellen Verkehr haben. Die Schuld daran geben sie Frauen und dem Feminismus. Sie sind davon überzeugt, dass Frauen nur Beziehungen mit Männern eingehen, welche dem klassischen männlichen Idealbild — groß, stark, maskulin und dominant — entsprechen. Diesem können viele Incels jedoch nicht gerecht werden. Außerdem soll der Feminismus vermeintlich dazu geführt haben, dass Frauen ihre durch traditionelle Geschlechterrollen vorgeschriebenen „Pflichten“ gegenüber Männern nicht mehr erfüllen. Dazu zählen unter anderem auch ihre romantischen und sexuellen „Pflichten“ gegenüber Männern. Obwohl dies nicht der Realität entspricht, versuchen Incels sich dadurch ihr eigenes Single-Dasein zu erklären.

Mit der Zeit entwickeln viele Incels einen Hass auf Frauen, der in Form von geschlechterspezifischen Beleidigungen, Gewaltfantasien und anderen frauenfeindlichen Taten ausgelebt wird. Insbesondere Frauen, die Incels attraktiv und anziehend finden, die nach ihrer Wahrnehmung für sie allerdings nicht erreichbar scheinen, sind von solchem Hass betroffen. Doch nicht immer bleibt es bei verbalen Angriffen: Seit 2014 wurden allein in den USA und Kanada mehr als 50 Menschen von Incels ermordet.

Was können Schulen dagegen tun?

Schon früh können Kinder und Jugendliche auf Inhalte im Internet zugreifen und somit mit Incel- Communities in Kontakt kommen. Deswegen ist es wichtig, mit ihnen über problematische Geschlechterrollen und geschlechterbasierte Gewalt zu sprechen, sie über Incels aufzuklären und zu thematisieren, weswegen diese problematisch sowie gefährlich sind. An weiterführenden Schulen in Großbritannien wird die neue Netflix-Serie beispielsweise bereits eingesetzt, um das Thema für Schüler*innen zugänglich zu machen. Das Material „Von toxischer Männlichkeit und digitalen Codes: Was Eltern und pädagogische Fachkräfte wissen müssen“ von klicksafe soll Lehrkräften helfen, Incels und toxische Maskulinität auch an deutschen Schulen zur Diskussion zu stellen. Darin wird ebenfalls Bezug auf die Netflix-Serie genommen, aber es werden auch darüber hinaus von Incels verwendete Emojis und Symbole erläutert, die Rolle von Empfehlungsalgorithmen bei der Verbreitung von Incel-Gedankengut und toxischer Maskulinität problematisiert sowie praktische Tipps für Lehrkräfte und Eltern gegeben.

Hinter der Incel-Ideologie verbergen sich noch andere grundlegende Probleme wie etwa gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Hate Speech, deren Verständnis für die langfristige Prävention der Verbreitung von Incels nötig ist. Die Module „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ und „Hate Speech von Medien in die Schule können im Unterricht dafür eingesetzt werden, um Schüler*innen für diese Phänomene zu sensibilisieren und ihnen Strategien für das Handeln gegen diskriminierende Äußerungen und Bewegungen online zu vermitteln. Der Artikel „Extremismus, Populismus und Desinformation im Netz von Elternguide.online kann ebenfalls dabei helfen, sich einen Überblick über Kommunikationsrisiken online zu verschaffen und ist zudem für die Elternarbeit geeignet.

Die Module „Ich im Netz“ und „Ich im Netz und in der Gesellschaftkönnen ergänzend zur Reflektion des eigenen Verhaltens im Internet anregen und bieten die Möglichkeit, dass Schüler*innen sich Gedanken zu einer idealen Netzkultur machen. Insgesamt sollen diese Unterrichtsmaterialien dazu beitragen, Schüler*innen auf problematische Phänomene allgemein sowie im spezifischen Kontext von Incels aufmerksam zu machen und sie in ihrer Handlungsfähigkeit gegen diese zu bestärken.

Neue Studie der Vodafone-Stiftung: Schulen müssen politische Kompetenzen stärker fördern

Jugendliche und junge Erwachsene spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft. Sie bringen frische Perspektiven in den politischen Diskurs ein und ihre Beteiligung ist ausschlaggebend dafür, dass politische Entscheidungen im Sinne der nächsten Generationen beschlossen werden. Mit dem Herabsetzen des Wahlalters für die Kommunal- und Landtagswahlen in einigen deutschen Bundesländern auf 16 Jahre ist ihre politische Beteiligung nunmehr wichtiger denn je. Jedoch muss dafür auch ein entsprechendes Klima herrschen, sodass Jugendliche und junge Erwachsene sich problemlos und ohne Ängste in politische Debatten einbringen können.

Die Studie „Junge Stimmen, starke Wirkung?“ der Vodafone-Stiftung hat dazu erhoben, welche Sorgen Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 20 Jahren im Bezug auf ihre politische Meinungsäußerung haben und ob sie die notwendigen Kompetenzen besitzen, um respektvoll mit anderen über politische Themen zu diskutieren.

Politisches Engagement ist wichtig — aber nur wenige werden aktiv

Obwohl mit 80% die starke Mehrheit zustimmt, dass sie in Deutschland aktuell in Freiheit leben, machen sich ebenso viele Sorgen, dass sie diese Freiheit in Zukunft zumindest teilweise verlieren könnten. Besonders Aspekte, die auch in der Politik wichtig sind wie die freie Meinungsäußerung (65%), Wahlfreiheit (57%) und das Recht auf ein diskriminierungs- und benachteiligungsfreies Leben (32%), sind ihrer Meinung nach essenziell für ein freies Deutschland und müssen demzufolge geschützt werden. Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen informieren sich dementsprechend mindestens einmal pro Woche über politische Themen und die Anzahl derer, die politische Nachrichten gar nicht verfolgen, sinkt stetig. Vor allem im Freundeskreis (89%), mit den Eltern (85%) und in der Schule oder Universität (51%) werden die eigenen Meinungen gerne ausgetauscht. Passend dazu werden die Eltern und Familie (84%), Freund*innen (56%) und Lehrkräfte (37%) als vertrauenswürdigste Ansprechpartner*innen für politische Themen angesehen.

Viele Jugendliche und junge Erwachsene wollen auch aktiv am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben. Rund 85% haben sich bereits gesellschaftlich engagiert, besonders in Sportvereinen (53%), im schulischen Bereich (40%) oder bei einer sozialen Einrichtung (33%). Die meisten sind davon überzeugt, dass sie durch ihr eigenes Handeln einen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben können. Ressourcen wie Zeit, Erfahrung oder Geld spielen für die Mehrheit dabei keine Rolle — jeder könne sich unabhängig von seinem Besitz oder seiner gesellschaftlichen Stellung politisch engagieren. Gleichzeitig wollen sich mit 5% nur wenige tatsächlich im politischen Bereich einsetzen und ganze 63% schließen es für sich selbst komplett aus, dort aktiv zu werden. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene aus der sozialen Unter- und Arbeiterschicht finden es persönlich schwierig, politisch tätig zu werden, denn besonders diese Gruppe betrachtet ausreichende Ressourcen entgegen der Mehrheitsmeinung öfter als notwendige Voraussetzung für politisches Engagement und sieht sich selbst deswegen seltener in der Lage, einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben.

Schulen müssen politische Kompetenzen stärker fördern

Grund für diese Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Bedeutsamkeit von politischem Engagement und der tatsächlichen Beteiligung könnte sein, dass nur wenige sich ausreichend darauf vorbereitet fühlen, kompetent an politischen Diskussionen teilnehmen zu können. So stimmen zwar fast alle Befragten zu, dass man die Meinung anderer aushalten können muss, ohne sie persönlich zu nehmen, allerdings sagen nur 12% aus, das in der Schule ausgiebig gelernt zu haben. Ähnlich verhält es sich mit dem kritischen Hinterfragen fremder Meinungen: Zwar sind über zwei Drittel oft mit von der eigenen Einstellung abweichenden Meinungen konfrontiert und 77% ersuchen zumindest gelegentlich auch das Gespräch mit Menschen mit anderen Meinungen, jedoch gaben nur 17% der Befragten an, in der Schule vermittelt bekommen zu haben, wie man diese kritisch hinterfragt. Und obwohl 99% davon überzeugt sind, dass man vertrauenswürdige und nicht vertrauenswürdige Quellen unterscheiden können muss, um sich eine eigene Meinung zu bilden und die Meinungen anderer einzuschätzen und im politischen Spektrum verorten zu können, wurden weniger als einem Fünftel die nötigen Fähigkeiten dazu in der Schule beigebracht. Ebenfalls werden bei nur 16% aktuelle Themen im Politikunterricht angesprochen und reflektiert. Zwar wollen über zwei Drittel ihre eigenen Themen in den Unterricht mit einbringen, jedoch haben nur 37% in der Praxis die Möglichkeit dazu.

Deswegen ist es wichtig, dass Lehrkräfte aktiv auf die politischen Sorgen, Anliegen und Interessen ihrer Schüler*innen eingehen und mit ihnen die Themen behandeln, die für sie selbst gerade am relevantesten erscheinen. Auch grundlegende Kompetenzen wie Toleranz gegenüber anderer Meinungen, der respektvolle Umgang mit anderen, das richtige Einschätzen der Legitimität von Quellen und das kritische Hinterfragen von Inhalten müssen gefördert werden. Die folgenden Materialien sollen dabei helfen, diese Aspekte in den Unterricht einzubringen: