menu
Werkzeugkasten kollaboratives Lernen im Internet

Einleitung

Zum Verständnis: Was ist kollaboratives Lernen?

Der Begriff Kollaboration kommt aus dem Lateinischen und setzt sich zusammen aus con (=mit) und laborare (=arbeiten) und bedeutet dementsprechend zusammen arbeiten. „Kollaboratives Lernen“ beinhaltet allerdings weitaus mehr als zusammen zu arbeiten. 

„Kollaboratives Lernen“ bedeutet zusammen eine Aufgabe zu lösen oder ein Projekt zu erarbeiten, wobei der gemeinsame Lernprozess im Zentrum steht. Im Unterschied zu herkömmlicher Gruppenarbeit, werden keine arbeitsteiligen Schritte zur Lösung einer  Aufgabe individuell in der Gruppe verteilt, um Einzelergebnisse zu einem Gesamtergebnis zusammenzufügen, sondern die Gruppe löst mittels kommunikativer Prozesse die gestellte Aufgabe und ist gefordert ein Team zu bilden, das eng zusammenarbeitet. Ziel ist, ein gemeinsames Ergebnis und einen gemeinsamen Wissensstand aller Teammitglieder zu erreichen.

Dazu gehört die jeweilige persönliche Verantwortung für das Gruppenziel zu erkennen und zu übernehmen sowie ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass gegenseitige Unterstützung, Erklärungen, Bereitschaft zur Diskussion und Kompromissfähigkeit dem gemeinsamen Lernprozess dienen. Sowohl der/die Einzelne, wie auch die Gruppe ist verantwortlich für die geleistete Arbeit und alle sind gleichberechtigt. Die Schüler*innen lernen jedes Teammitglied für die jeweiligen Fähigkeiten zu schätzen, sich gegenseitig zu motivieren, Erfolgserlebnisse zu schaffen und mehr Selbstkompetenz zu erleben. Kollaboratives Lernen umfasst eine Vielzahl von Schritten und Aktivitäten. Zu Beginn ist zu klären, ob die gestellte Aufgaben von allen Beteiligten gleich verstanden wird, ob alle die gleiche Wissensbasis haben, in welchen Schritten vorgegangen werden soll und alternative Vorgehensweisen zu überlegen bzw. zu bewerten. Vorhandenes sowie neues Wissen wird im Team beim aktiven Wissenskonstruktionsprozess geteilt.

Alle profitieren von den Ideen der anderen, erhalten dadurch neue Impulse für das eigene Denken und Gestalten und können sie konstruktiv nutzen. Einzelne führen ihr Wissen in einer gleichberechtigten Arbeitsform zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels zusammen.

Darüber hinaus wird auch geübt, eigene Ideen klar zu kommunizieren, zu strukturieren und ggf. zu vertreten; Gelerntes zu reflektieren bzw. Wissenslücken oder Verständnisschwierigkeiten zu benennen und andere Ideen zu kommentieren und in eigene Gedanken zu integrieren, oder auf andere Sachbereiche zu übertragen. Statt dem Blick in das eigene Schulheft werden Blicke auf ein großes, gemeinsames Ganzes geworfen.

Durch kollaborative Lernangebote können Schüler*innen überdies auch auf ihr künftiges Arbeitsleben und gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch die Digitalisierung vorbereitet werden. Methoden und Techniken zu Wissensmanagement, Teamfähigkeit und die Fähigkeit zu selbstorganisiertem Lernen sind ebenso wichtig wie fachliches Wissen.

Kollaborative Lern- und Arbeitsprozesse sind zunehmend Bestandteil veränderter Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt, sowohl bei projektbasierten Kooperationen zwischen mehreren Auftragnehmern, als auch für interne Unternehmensstrukturen und Kommunikation. Die Kenntnis von Methoden zu Netzwerkarbeit, Problemlösung, gemeinsamen Beratungen, Wissensaustausch und kooperativen bzw. kollaborativen Projektentwicklungen sind gefragte Kompetenzen für Arbeitsplatzanforderungen.

Kollaborative Arbeit in (Klein)gruppen ist etablierter Bestandteil pädagogischer Methodik. Der Einsatz von Online-Werkzeugen stellt insofern keine neue Praxis dar, sondern erweitert vielmehr die Bestehende um neue Möglichkeiten und Formen der Interaktion, Koordination, Kommunikation und Dokumentation. Inhalte können unter Umständen leichter überarbeitet bzw. nachgearbeitet werden, die Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten kann asynchron erfolgen und Lernergebnisse unabhängig vom Lernort angesehen werden.

Die Nutzung von Online-Werkzeugen ermöglicht, dass mehrere Personen z.B. gleichzeitig an einem Dokument schreiben, Ideen sammeln, eine Mindmap verknüpfen, mit Zeitleisten arbeiten, eine Grafik zeichnen oder eine Tabelle füllen sowie Arbeitsergebnisse sichern können. Darüber hinaus besteht eine Vielzahl an Präsentationsmöglichkeiten, durch kollaborativ nutzbare Plattformen. Je nach Dienst ist es dabei möglich, die Änderungen individuell nachzuvollziehen und zu erkennen, wer welchen Inhalt beigetragen hat. Alle Beteiligten sind dabei gleichzeitig Beobachter wie Gestalter des Entstehungsprozesses. Gleichzeitig wird die Reflexivität über das Geschriebene erhöht – weiß man doch, dass andere es sofort sehen, kommentieren oder je nach Absprache auch bearbeiten können.


Unabhängig von den kollaborativen Einsatzmöglichkeiten, trainieren die Schüler*innen ihre Medienkompetenz und können die Werkzeuge ggf. auch zum individuellem Wissenserwerb einsetzen. Zum kollaborativen Ansatz gehört auch erarbeitetes Wissen und Ressourcen zu teilen und anderen zur Verfügung zu stellen.

Einsatzmöglichkeiten im Bildungskontext

Die Menge an Online-Werkzeugen zur Inhalts- und Medienproduktion ist schier endlos und nicht alles ist gleichermaßen gut geeignet für den Einsatz in Bildungskontexten. Nicht in jedem Fall ist die Nutzung eines Online-Werkzeugs die beste Wahl für jeden Einsatzzweck. Es gilt hier, je nach Ziel in der pädagogischen Praxis ein geeignetes Mittel zu finden. Manche Werkzeuge dienen der Bearbeitung relativ genau beschriebener Aufgaben mit konkretem Lern- bzw. Unterrichtszielen, wie der Erarbeitung von Wissen und der Strukturierung für Präsentationen bzw. Visualisierungen. Andere Werkzeuge sind eher geeignet Lernprozesse zu organisieren, bzw. interne oder externe Kommunikation zu gestalten und die Prozesse oder die Ergebnisse zu dokumentieren. Die jeweilige Methodik sollte sich ebenso nach den lebensweltlichen Bezügen der Schüler*innen richten, wie auch zum zu vermittelnden bzw. zu erarbeitenden Inhalt passen. Der Einsatz von kollaborativen Werkzeugen gestattet in diesem Zusammenhang sowohl methodische Vielfalt als auch Abwechslung zu gängigen Formen der Unterrichtsgestaltung.

Grundsätzlich lassen sich drei wesentliche Einsatzfelder unterscheiden:

Zeitlich begrenzte Projekte

Schnell gemeinsam Gedanken sammeln und strukturieren, im Team eine Präsentation vorbereiten oder Rechercheergebnisse sammeln – unbestritten lassen sich diese Aufgaben auch ohne digitale Hilfsmittel bewerkstelligen. Deren Nutzung kann aber zur Steigerung von Flexibilität und Effektivität beitragen. Anstelle von Zettelsammlungen, überarbeiteten, durchgestrichenen, ergänzten oder umgestellten Notizen in verschiedenen Handschriften entstehen übersichtliche Dokumente.

Beispielwerkzeuge: Mindmaps, Wortwolken, Lesezeichensammeldienste, Etherpad, Grafik- und Zeichendienste, Abstimmungswerkzeuge, Präsentationsgestalter

Langfristige bzw. zeitlich unbegrenzte Projekte

Mithilfe von digitalen Werkzeugen, Dokumenten und Diensten, die jederzeit und für alle Projektbeteiligten verfügbar sind, lassen sich Projekte und Prozesse kontinuierlich begleiten. Auf diese Weise können Fortschritte beobachtet und wahrgenommen, Erfahrungen und Ergebnisse ausgetauscht und kommuniziert sowie Resultate evaluiert werden.

Beispielwerkzeuge: Online-Office-Anwendungen, private Blogs und Wikis, Etherpads

Öffentliche Begleitung und Dokumentation von Projekten

Die Produktion von Inhalten für ein öffentliches, unbegrenztes Publikum, stellt die Produzenten vor weitere Herausforderungen. Sind alle Fakten gesichert, alle Voraussetzungen für eine Veröffentlichung gegeben, ist das Projekt für externes Publikum verständlich, wie werden die Leser reagieren und wie soll ggf. auf Reaktionen eingegangen werden? Über die Selbstreflexion und den Austausch im geschützten Gruppenverbund hinaus findet eine Auseinandersetzung mit externen Impulsen statt. Der Kontakt zu anderen kann gezielt aufgenommen werden, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten – zum Beispiel mit einer Partnerklasse, einem Austauschschüler, in Zeitzeugenprojekten. Auch für das nahe Umfeld ist die öffentliche Begleitung von Unterrichtsgeschehnissen und  Schulthemen interessant. Ergänzend zur oder eingebettet in die Schulhomepage, kann eine lebendige Dokumentation des Schulalltags stehen, die für Eltern, Freunde und Geschwister der Schüler*innen interessant sein kann.

Beispielwerkzeuge: öffentliche Blogs und Wikis, Audio-, Video- und Podcastplattformen, öffentliche Präsentationsdienste

Methodisch-didaktische Hinweise

Unabhängig von der Wahl des Dienstes sind einige Vorüberlegungen zu treffen:

Lern-Infrastruktur: Ausstattung und Internetzugang

Selbstverständlich ist die Nutzung von Online-Werkzeugen nur mit einer ausreichenden Ausstattung an Zugangsgeräten möglich. Maximal zwei Schüler*innen sollten sich einen Computerarbeitsplatz teilen müssen. Für Anwendungsbereiche, in denen individuelle Zuordnung der Bearbeitungen notwendig oder vorgesehen ist, sollte jede*r Schüler*in ein eigenes Gerät zur Verfügung haben. Ob es sich hierbei um Arbeitsplatzrechner, Laptops oder Tablets handelt, hängt vom jeweiligen Dienst ab. Prüfen Sie in jedem Fall vorab, ob die zur Verfügung stehende Ausstattung den Systemanforderungen des gewählten Dienstes entspricht, ob alle Geräte technisch auf demselben Stand sind und, insbesondere im Fall von Tablets, ob der gewählte Dienst auf den vorhandenen Geräten nutzbar ist. Einige Dienste sind selbsterklärend und schnell anwendbar ohne längere Einführung für die Schüler*innen, andere sind komplexer und benötigen mehr Anleitung.

Einige Dienste basieren auf Internettechnologien, die erst durch die Installation von Browser-Plugins verwendet werden können (z.B. Flash, Silverlight). Prüfen Sie vorab, ob der gewählte Dienst ein Plugin voraussetzt und ob die verwendeten Computer entsprechend damit ausgestattet sind.

Hierzu sollte im Vorfeld mit dem Administrator oder der Administratorin der Schule gesprochen werden. Eventuell gibt es dazu auch schulweite Vereinbarungen.

Eine stabile Internetverbindung ist die Grundvoraussetzung für onlinebasiertes Arbeiten. Hierbei ist insbesondere zu beachten, dass auch noch genügend Bandbreite und Geschwindigkeit zur Verfügung stehen, wenn jede*r Schüler*in ein eigenes Gerät hat. Arbeitsunterbrechungen durch verzögerte Ladegeschwindigkeiten oder Inhaltsverlust durch Speicherprobleme bei Verbindungsabbruch führen zu Frustration und senken die Motivation.

Datenschutz

Nicht zuletzt ist der Datenschutz zu beachten. Welche Daten überträgt das Programm?

Für personenbezogenen Daten wie Namen, Anschriften, Geburtsdaten und Noten gelten je nach Bundesland unterschiedliche Datenschutzbestimmungen, die bei der Speicherung und Verarbeitung berücksichtigt werden müssen. Hinweise bekommen Lehrkräfte bei den Schulverwaltungsbehörden und den Datenschutzbeauftragt*innen der Länder.

Registrierung

Viele Dienste sind nur nach einer Registrierung zugänglich. Prüfen Sie in diesem Fall vorab, ob die Registrierungsbedingungen im Einklang mit den Datenschutz- und Nutzungsbedingungen Ihrer Schule bzw. Ihres Bundeslandes stehen.

Überlegen und testen Sie vorab, wie lange die Registrierung dauert, ob ein Benutzerkonto genügt, oder ob jede*r Schüler*in sich individuell registriert? Sollen und können die Schüler*innen dies selber tun? Lässt der Schulfilter die Registrierung überhaupt zu? Ist ein Passwort nötigt? Treffen Sie im Vorfeld dazu die Überlegung, ob und inwiefern schulische E-Mailadressen dafür genutzt werden können und planen Sie die Zeit für den Registrierungsprozess in Ihre Unterrichtsvorbereitung ein (ggf. Wartezeiten durch Aktivierungs-E-Mails bedenken). Bei jüngeren Schülern*innen ist es auch ratsam, die Eltern über das Vorhaben zu informieren und ggf. Ihre Einwilligung einzuholen. Einige Dienste setzen ein Mindestalter für die Registrierung voraus.

Regeln für die Zusammenarbeit

Durch gemeinsames Online-Arbeiten in Dokumenten können auch Fehlerquellen und Missverständnisse entstehen. Denn wer alles bearbeiten kann, kann auch alles löschen. Vereinbaren Sie vorab Regeln für das gemeinsame Arbeiten und vermitteln Sie den Schüler*innen, welche Verantwortung Ihnen für die Inhalte der anderen obliegt. Treffen Sie Absprachen, wer wann was genau machen soll und welche Dinge zu unterlassen sind. Wie sollen Dateien benannt werden, um sicherzustellen, dass im richtigen Dokument gearbeitet wird. Sollen Arbeitsversionen erhalten bleiben und gespeichert werden, bzw. welche Prozesse werden dokumentiert und besprochen, bei welchen Projekten genügt die Speicherung des Endergebnisses? Welche Kommunikationsform wird gewählt, wenn die Schüler*innen unabhängig vom Lernort Schule an den Projekten arbeiten. Gibt es Regeln für E-Mail-Austausch, um Informationsverluste bei sich überschneidenden Mails zu vermeiden, sind andere Kommunikationsformen besser geeignet? Wie werden Entscheidungen in der Projektgruppe getroffen? Wie kann sicher gestellt werden, dass alle Schüler*innen an den Prozessen beteiligt sind und sich einbringen können?

Da die Schüler*innen unterschiedlich schnell arbeiten, müssen zusätzliche Aufgaben und ergänzende Hilfestellungen vorgesehen werden, um Frust zu vermeiden. 

Integrieren Sie Peer-Review-Konzepte, also die gegenseitige Überprüfung des Geschriebenen, in den Arbeitsprozess, um eine faire, rücksichtsvolle und sachliche Auseinandersetzung mit den Inhalten anzustoßen.

Literatur- und Linkliste

Allert, Heidrun; Richter, Christoph (2016): Kultur der Digitalität statt digitaler Bildungsrevolution. Mannheim: Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-47527-7

Bastian, Jasmin; Aufenanger, Stefan (2016): Tablets in Schule und Unterricht: Forschungsmethoden und –perspektiven zum Einsatz digitaler Medien. Wiesbaden: Springer VS

BPB (Bundeszentrale für politische Bildung): Digitale Bildung
http://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/

Brendel, Nina (2017): Reflexives Denken im Geographieunterricht: Eine empirische Studie zur Bestimmung von Schülerreflexion mithilfe von Weblogs im Kontext Globalen Lernens. Münster: Waxmann Verlag.

Meinel, Christoph; Renz, Jan; Grella, Catrina; Karn, Nils; Hagedorn, Christiane (2017): Die Cloud für Schulen in Deutschland: Konzept und Pilotierung der Schul-Cloud. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam.

Thissen, Frank (Hrsg.) (2017): Lernen in virtuellen Räumen: Perspektiven des mobilen Lernens. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co KG

Watermann, Ilka-Maria (2017): Mit neuen Medien neue Wege in der Bildungswissenschaft beschreiten. E-Learning im Web 2.0, Kollaborative Gruppenarbeit mit Google Docs. Planung, Gestaltung, Umsetzung, Evaluation und Diskussion. München: GRIN Verlag.