Ziel

Die Fähigkeit zur Unterscheidung von Realität und Fiktion ist ein wesentliches Element für den kompetenten Umgang mit Medieninhalten. Schüler_innen sollen dafür sensibilisiert werden, dass es in allen Medien Inhalte gibt, die im Schwerpunkt Realitätsdarstellungen, fiktionales Erzählen oder aber die bewusste Vermischung beider Pole beinhalten. Die Unterrichtseinheiten sollen eine erhöhte Fähigkeit zur Identifizierung und Entschlüsselung z.B. von Scripted-Reality-Formaten des Fernsehens geben. Hinsichtlich des Internets steht im Zentrum der Unterrichtseinheiten das Bewusstsein für Möglichkeiten und Grenzen der Selbstinszenierung, für Anwendungen und Risiken von virtueller Realität sowie für gefakte Inhalte und Informationsbewertung in Bezug auf Realität und Fiktion.

Relevanz

Alles, was die Massenmedien darstellen, hat irgendetwas mit der Wirklichkeit zu tun, bildet sie aber nie korrekt ab. In der Philosophie wird zwischen dem „Sein“ und dem „Seienden“ unterschieden, wobei das „Sein“ das komplexe Dasein bezeichnen, inklusive Gott oder den Naturgesetzen, während das „Seiende“ das beschreibt, was wir bestimmen und beschreiben können. Das Bild, das sich der Mensch über die Wirklichkeit konstruiert, wird als „Bewusstsein“ bezeichnet. Der Realitätsbegriff der Medien ist dagegen sehr viel einfacher und setzt voraus, dass es eine Realität gibt, die man abbilden kann. Dabei geht es beispielsweise um die filmische Dokumentation eines tatsächlichen Geschehens, wobei die gezeigten Personen mit den handelnden Figuren identisch sind und diese nicht spielen. In der Fiktion sind die Geschichten hingegen erfunden, Schauspieler_innen spielen Figuren, mit denen sie tatsächlich nichts zu tun haben. Dabei kann es sich durchaus um die erzählerische Wiedergabe eines realen Geschehens handeln, es könnte so oder so ähnlich gewesen sein. Wenn man bei den Medien zwischen Realität und Fiktion unterscheidet, geht es also mehr um die Bezeichnung verschiedener Absichten und Produktionsweisen. Es bezieht sich also nicht darauf, dass die eine Produktionsweise (Reality) zwingend mehr mit der Realität zu tun haben muss als die andere (Fiktion).

Berichterstattung und Spielfilme

Die tägliche Berichterstattung und die Nachrichten ordnen wir der „Realität“ zu. Hier erhalten die Zuschauer_innen Informationen, die ihnen eine Vorstellung davon geben, was an diesem Tag in der Welt geschehen ist. Dies jedoch ist keine Abbildung von Realität, sondern das, was Nachrichtenagenturen, Journalist_innen oder Redakteur_innen in den Sendern oder bei Zeitschriften für wichtig halten und von dem sie vermuten, dass es einen größeren Teil ihrer Rezipient_innen interessiert. Viele Krisen und politische Entscheidungen, die langfristig Relevanz für Nationen oder Kontinente haben, werden von den Medien zunächst gar nicht wahrgenommen, dennoch sind sie tatsächlich vorhanden und Teil der Realität. Die Medien bilden also keine Realität ab, sondern sind eine Zusammenfassung dessen, was Medienmacher_innen für real halten und wofür sie Fernsehbilder oder O-Töne haben. Zunehmend werden auch Bürger_innen selbst zu Berichterstatter_innen. Durch digitale Medien des Web 2.0 haben sich die möglichen Formen der Informationsverbreitung vereinfacht. Zahlreiche Internet-User_innen nutzen inzwischen Blogs, Video-on-Demand-Plattformen oder Gruppen in Sozialen Netzwerken, um spezifische Informationen einer breiten Masse zur Verfügung zu stellen. Oftmals dienen diese Inhalte auch den Nachrichtenagenturen oder Nachrichtenformaten im Fernsehen als Informationsquelle. So werden z.B. YouTube-Videos aus Krisen- oder Kriegsregionen in Nachrichtensendungen gezeigt und analysiert oder Erfahrungsberichte, die in Blogs oder in Sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden, zur Veranschaulichung von Ereignissen oder Problematiken verwendet. Damit verbunden ist eine – oftmals hysterische – Diskussion um den „Qualitätsjournalismus“ und wie das Web 2.0 diesen verändert. Einhergehend mit dem Trend der nutzergenerierten Informationen hat sich auch der Inhalt der dargestellten Informationen gewandelt. Web 2.0-Plattformen werden hauptsächlich dafür genutzt, interessensbasierte Informationen zu recherchieren und zu verbreiten. So ergänzen sich Nachrichtenformate im Fernsehen und Informationsformate im Web, die durch die Nutzer_innen selbst erstellt sind, gegenseitig. Nachrichten haben unter anderem die Aufgabe, möglichst breit und übergreifend zu informieren und gesellschaftlich relevante Thematiken zu vermitteln. Damit sind sie auch ein Korrektiv von Legislative, Judikative und Exekutive. Nutzergenerierte Inhalte hingegen können das Bedürfnis nach sehr spezifischen Informationen stillen. Während es in den klassischen Medien selbst bekannte und relevante Ereignisse nicht immer in die Nachrichten oder die Berichterstattung schaffen, weil z.B. das ökonomische Interesse zu gering ist, sorgt das Internet dafür, dass Ereignisse auch ohne aufwendige journalistische Stützpunkte vor Ort Aufmerksamkeit finden können. Manchmal erreichen aber auch fiktionale Filme, dass sich die Öffentlichkeit für Krisen, Kriege oder Konflikte interessiert. So war beispielsweise der Bürgerkrieg in Ruanda einer der grausamsten Konflikte des 20. Jahrhunderts, in der medialen Darstellung spielte er allerdings aus verschiedenen Gründen keine große Rolle. Auf die Umstände dieses brutalen Völkermords im Jahr 1994 wurde ein größeres Kinopublikum erst durch einen Spielfilm im Jahr 2004 aufmerksam. Der Film „Hotel Ruanda[1] erzählt eine wahre Geschichte: Durch den Abschuss der Maschine des Präsidenten beim Landeanflug auf Kigali eskalieren die Konflikte derart, dass innerhalb von 100 Tagen mehr als eine Million Menschen getötet werden. Der Hotelangestellte Paul übernimmt nach der Flucht des belgischen Hoteldirektors ein Vier-Sterne-Hotel und gewährt insgesamt 1200 Menschen Zuflucht. Da die UN-Mitarbeiter_innen aber nur einen Beobachterstatus haben, können nur die ausländischen Flüchtlinge aus dem Hotel ausreisen, die Einheimischen werden allesamt getötet.

Medienbeispiel: Hotel Ruanda - official Trailer
Dieses Beispiel zeigt, dass auch die Fiktion einen hohen Realitätsbezug haben kann, der unter Umständen sogar besser geeignet ist, Anteilnahme und Interesse an einem realen Ereignis zu erzeugen. Menschen können politische oder historische Vorgänge besser verstehen, wenn sie in Form einer Geschichte mit Individuen erzählt werden, mit denen man sich identifiziert oder die einem zumindest sympathisch sind. Filme wie „Schindlers Liste[2] oder die amerikanische Serie über den Holocaust[3] haben sicher einen ebenso wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Verbrechen im Nationalsozialismus geleistet wie der Geschichtsunterricht in den Schulen oder zahlreiche Dokumentationen.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Am Beispiel von Nachrichtensendungen in totalitären Regimen wird schnell klar, dass Berichterstattung nicht unbedingt etwas mit der Darstellung von Wirklichkeit zu tun hat. Manch gut recherchierter Spielfilm über die Nazizeit hat sehr viel mehr mit der Vergangenheit zu tun als die dokumentarisch aufgemachten Kriegswochenschauen in den Kinos oder die Nachrichten, die die vom Regime kontrollierten Medien boten.

Medienbeispiel: der 09. November aus Nachrichtensicht Ost und West
Auch das Informationsangebot kann die Wirklichkeit völlig verzerrt darstellen: einerseits durch die persönlichen Überzeugungen der an der Produktion bzw. Veröffentlichung von Nachrichten beteiligten Personen, und andererseits durch bestimmte Interessen des politischen oder kommerziellen Systems. Dies betrifft nicht nur die Berichterstattung in totalitären Systemen. Vor anstehenden Wahlen oder bei Markteinführung neuer Produkte besteht bei den Verantwortlichen wenig Interesse daran, über problematische Produktionsbedingungen, künftige Kosten und Konsequenzen unpopulärer oder auch populistischer Entscheidungen zu berichten. Öffentliche Diskussion und Meinungsbildung lassen sich daher unter Umständen durch das Angebot an Pressemeldungen und Nachrichtenthemen beeinflusst. Für die Frage, wie sich die Zuschauer_innen aus den verschiedenen Quellen – nennen wir sie vereinfacht Berichterstattung und Fiktion – ihr jeweiliges Weltbild oder eine Vorstellung von bestimmten Facetten der Realität konstruieren, spielt die Glaubwürdigkeit des Senders oder eines bestimmten Formates eine wichtige Rolle. Die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ in der ARD genießen eine sehr hohe Glaubwürdigkeit, während diversen Boulevardblättern weniger Seriosität zugetraut wird. Informationsquellen aus dem Internet genießen weniger Vertrauen als die altbekannten Medien.[4] Dies kann am noch jungen Alter des Internets und des noch jüngeren Web 2.0 liegen, aber auch an der Vielzahl der unterschiedlichen Formen: angefangen von digitalen Nachrichtenportalen über Onlineauftritte von Fernsehnachrichten oder Tageszeitungen bis hin zu nutzergenerierten Inhalten. Überdies sind die dargestellten Informationen, besonders jene, die von Nutzern selbst erstellt sind, teilweise nur schwer verifizierbar. Digitale Medien bewegen sich dementsprechend in einem Spannungsfeld zwischen der Partizipation der Bürger_innen an der Verbreitung und den damit verbundenen Unsicherheiten in der Beurteilung von Informationen. Dieses Spannungsfeld sollte jedoch sehr differenziert betrachtet werden. Auch wenn es sich bei Web 2.0-Angeboten meist nicht um professionellen Journalismus handelt, können die Berichte und Dokumente genauso glaubwürdig sein. Gerade in Krisenregionen oder diktatorisch regierten Ländern sind sie oftmals eine der wenigen zuverlässigen Quellen abseits des kontrollierten staatlichen Journalismus. Gleichzeitig sind solche Informationen in nicht wenigen Fällen ein Mittel für gesellschaftliche Veränderungen und öffentliche Kritik. Eindrucksvoll war dies beim Arabischen Frühling zu beobachten. Hier fand ein Großteil des Informationsaustausches im Internet statt. Das Internet diente dabei nicht nur der schnellen Verbreitung von Informationen, sondern darüber hinaus als Organisations- und Kommunikationsplattform. Das Internet kann zudem für die Verbreitung von gezielten Falschinformationen oder Verschwörungstheorien verwendet werden. Nicht immer entsprechen Informationen journalistischen Standards und Anforderungen: Nutzer_innen sollten sie jedoch nicht pauschal als vertrauensunwürdig einschätzen, sondern Inhalt und Quelle genau analysieren. Auch wenn sich in der Konstruktion von Wirklichkeitsvorstellungen Berichterstattung und Fiktion bei den Zuschauer_innen vermischen, so können sie doch den Wirklichkeitsbezug zuordnen: Wird in den Nachrichten über einen Toten berichtet, ist der wahrscheinlich tatsächlich tot; wird im „Tatort“ ein Toter gezeigt, handelt es sich um einen fiktiven Charakter. Dennoch ist eine fiktionale Sendung wie der „Tatort“ für viele Bereiche der Realitätsvermittlung relevant. Unsere Vorstellung darüber, wie Polizei und Justiz arbeiten und Verbrechen aufklären, entnehmen wir eher dem „Tatort“ als der medialen Prozessberichterstattung. Aber bemerken wir auch, dass in fast jedem „Tatort“ Verhaltensweisen von Polizist_innen vorkommen, die eindeutig gegen die Strafprozessordnung verstoßen? In Krimis werden Informationen illegal beschafft, Kommissar_innen brechen ein, um vermutetes Beweismaterial zu sichern, und besorgen sich für Gentests Haare aus dem Badezimmer, in das sie sich unter einem Vorwand Zutritt verschaffen. Gerade weil der „Tatort“ schon durch seinen Namen als ein realitätsbezogenes Format daherkommt, glauben die Zuschauer_innen, rechtswidriges Verhalten von Polizist_innen sei erlaubt und normal? Zuschauer_innen entwickeln im Laufe der Zeit unmerklich eine versierte Genrekompetenz, die hilft, die jeweils vermittelten Informationen, Meinungen, Verhaltensweisen oder Vorstellungen im Hinblick auf die Wirklichkeitsrelevanz zu bewerten. Diese Genrekompetenz entsteht durch die Ausbildung von Vorlieben, wiederholten Konsum von Sendungen des Genres und das intuitive Erkennen von Mustern. Es ist bekannt: In fiktionalen Filmen und Serien gerät die Welt zunächst aus den Fugen und die Held_innen geraten in scheinbar ausweglose Situationen, um am Ende als Sieger_innen dazustehen. Natürlich wissen die Zuschauer_innen, dass diese Muster wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben. Aber sie tragen dazu bei, eigene Gefühle und Ängste besser zu bewältigen (Mood-Management).

Menschen wie du und ich: Der Siegeszug des Reality-TV

Während bis Ende der 1990er Jahre Spielfilme und Serien – also fiktionale Programme – den größten Anteil im Unterhaltungsprogramm der Fernsehsender ausmachten, begann ab Mitte der 90er Jahre mit den Talkshows die neue Ära des Reality-Fernsehens. „Vera am Mittag“ (SAT.1, 1996-2013), „Fliege – die Talkshow mit Jürgen Fliege“ (Das Erste, 1994–2005), „Arabella“ (Pro7, 1994-2004) oder „Britt – Der Talk um eins“ (SAT.1, 2001–2013), die als letzte Talkerin im Juli 2013 ihren Abschied feierte, beherrschten zumindest am Nachmittag die Programme. Die Talkshowgäste rekrutieren sich fast ausschließlich aus „einfachen Leuten“ mit echten oder vermeintlichen Problemen, die sie laut und konfrontativ erörterten. Talkshows galten als Reality Fernsehen – aber wie viel haben sie tatsächlich mit Realität zu tun? Von „Big Brother“ (RTL II, 2000–2011; sixx seit 2015), „Promi Big Brother“ (SAT.1, ab 2013) über „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (RTL 2004, 2008–2009, seit 2011) und die Coachingformate „Einsatz in vier Wänden“ (RTL, 2003-2013) und „Die Super Nanny“ (RTL, 2004-2011) bis hin zu „Deutschland sucht den Superstar“ (kurz DSDS; RTL, ab 2002), „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ (VOX, ab 2006) und „Raus aus den Schulden“ (RTL, ab 2007): Das Fernsehen beschäftigt sich nicht mit den Problemen gut situierter Bildungsbürger_innen, sondern mit denen der Menschen anderer Sozialmilieus. Der Vorteil für die Sender: Die Formate sind sowohl für Zuschauer_innen mit niedrigerem als auch höherem Bildungsgrad attraktiv. Während die Einen ähnliche Probleme haben und dafür nach Lösungen suchen (involvierter Rezeptionsstil), schauen die Anderen auf Talkshowgäste oder Schuldner_innen herab (distanzierter Rezeptionsstil). Die Relevanz von Reality-TV resultiert weniger aus der Sendung selbst, als aus der Wechselwirkung zwischen dem Inhalt einer Sendung und der Lebenswirklichkeit der Zuschauer_innen. Kennzeichnend für Reality-TV ist, dass reale Menschen interagieren, die sich selbst und nicht eine Rolle präsentieren. Dennoch geht es nicht um die Abbildung ihrer Realität: Niemand hätte Interesse daran, einen wirklich stattfindenden Kaffeeklatsch bei einem der Kandidat_innen von „DSDS“ per Videoübertragung anzusehen. Spannend wird die vermeintliche Realität durch die Konstellation der beteiligten Personen, die Kommentare anderer Gäste, eine Jury oder die Inszenierung eines Konfliktes, der immer mehr eskaliert. Real ist das Reality-TV also nicht.

Medienbeispiel: Der Bachelor - aktuelles Reality-Format

Scripted Reality

Seit 2010 gibt es eine neue Produktionsweise – die Scripted Reality, Skript-Doku bzw. Pseudo-Doku oder Pseudo-Doku-Soap – die sehr dokumentarisch anmutet, bei der es sich aber tatsächlich um Fiktion handelt. „X-Diaries – love, sun & fun“ (RTL II, ab 2010), „Berlin – Tag & Nacht“ (RTL II, ab 2011)Schicksale – und plötzlich ist alles anders“ (SAT.1, ab 2010) oder „Auf Streife“ (SAT.1, ab 2013) wirken wie abgefilmtes Leben:[5] Die agierenden Personen sind zumeist gecastete Menschen, die in Aussehen, Sprache und Habitus den erfundenen Figuren sehr ähnlich sind. Das Drehbuch dient nur als Skript, so dass den Laiendarsteller_innen viel Gestaltungsspielraum im eigenen Sprachgestus bleibt. Deshalb wirken die Dialoge nicht gestellt, sondern echt. Hinzu kommt, dass nicht im Studio, sondern in existenten, für die Sendungen angemieteten Wohnungen gedreht wird. Schon bevor die ersten dieser Sendungen ausgestrahlt wurden, vermittelten Proteste den Eindruck, der absolute Tiefpunkt beim Fernsehen sei nun erreicht. Kritisiert wurde vor allem, dass sie den Anschein von Dokumentation erwecken, so dass die Zuschauer_innen ihren fiktionalen Charakter nicht erkennen können. Mit Begriffen wie „Lügenfernsehen“[6] oder „Pseudo-Doku“ wurden diese neuen Formate beschrieben. Die öffentlich-rechtlichen Sender verlautbarten, solche Formate nicht ins Programm zu nehmen. Die Süddeutsche Zeitung kritisierte, man könnte nach Sichtung der Sendungen „leicht zu dem Schluss kommen, ganz Deutschland sei auf Hartz IV.“[7] Allgemein wird bemängelt, in den Sendungen würden die Mitwirkenden nur lautstark und vulgär kommunizieren, abstruse Probleme behandeln und häufig bestehende Vorurteile bedienen. Dies vermittele Jugendlichen eine völlig falsche Vorstellung von der Normalität, wobei davon ausgegangen wird, dass die Bedeutung für das Normalitätskonzept jugendlicher Zuschauer_innen besonders hoch ist, weil sie die Inhalte nicht immer als Fiktion erkennen.

Medienbeispiel: Die Schulermittler - aktuelles Scripted-Reality-Format
Scripted Reality hat die Diskussion um das Verhältnis von Realität und Fiktion neu entfacht. Interessant sind zwei Positionen: Einerseits hielten viele Zuschauer_innen aufgrund der hohen Glaubwürdigkeit des Fernsehens solche Sendungen für Realität. Andererseits nähmen sie das Fernsehen bald insgesamt nicht mehr ernst, wenn sie den fiktionalen Charakter der Pseudo-Wirklichkeit erkennen. Die Dokumentarfilmerin Dominique Klughammer weist auf eine Untersuchung hin, nach der es den Zuschauer_innen egal sei, ob das Fernsehen Realität vortäusche.[8] Dass Jugendliche das Fernsehen längst vom Sockel der seriösen Realitätsvermittlung gestoßen haben, zeigt sich daran, dass es für sie offenbar keine Rolle spielt, ob Inhalte echt oder gespielt sind. Daher ist es wichtig, sie auf die Bedeutung dieser Unterschiede aufmerksam zu machen. Die Frage spielt wahrscheinlich deshalb keine große Rolle, weil Jugendliche Scripted Reality sofort als Unterhaltungssendung und nicht als Dokumentation identifizieren – die Produktionsart ist für sie irrelevant. Dabei wird auch deutlich, dass sowohl Reality als auch Scripted Reality wenig Identifikationsangebote bereithalten und im Wesentlichen konzentriert überspitzte moralische Dilemmata darstellen, die Einzelne und Gruppen in einen Diskurs darüber bringen, welche Verhaltensvarianten sie für richtig und für falsch halten. Wie stark das Bedürfnis nach Kommentierung und Diskurs ist, zeigt der Erfolg der seit Oktober 2011 bei RTL II laufenden Reality-Seifenoper „Berlin – Tag & Nacht“: Über 3 Millionen Zuschauer_innen verfolgen neben den Sendungen auch die Facebook-Auftritte der Akteur_innen, die nicht in ihrer persönlichen Identität auftreten, sondern in den Rollen bleiben, die sie in der Pseudo-Doku-Soap spielen. Natürlich reagieren sie nicht selber auf Anfragen oder Bemerkungen, das besorgt eine Redaktion des Senders. Das stört die Beteiligten aber nicht. In vielen Kommentaren wird deutlich, dass sie dies durchaus durchschauen, aber es geht ihnen nicht um Realität, sondern um Form von „Authentizität“: Solange alles so sein könnte, wie es sich darstellt, ist es in Ordnung. Und neben der Diskussion im Freundeskreis wird auch über das Smartphone oder den Computer in der Social Community mit Facebook-Freund_innen darüber gestritten, ob sich Joe, Ole oder Jenny richtig oder falsch verhalten haben. Auch in Onlinemedien finden sich Scripted-Reality-Formate, beispielsweise in Form von zahlreichen Ratgebervideos auf YouTube, in denen die Protagonist_innen in definierte Rollen schlüpfen. Inzwischen gibt es YouTube-Stars, die mit ihren Videos eine erhebliche Popularität erreicht haben und nicht selten damit auch finanzielle Vorteile erzielen bzw. professionell vermarktet werden.

Realität und Fiktion in der Onlinekommunikation

Die Frage, was real und was fiktional ist, betrifft im Bereich der digitalen Medien noch eine weitere Dimension. Dabei geht es nicht nur darum, ob ein Informations- oder Unterhaltungsformat realistisch wirkt oder Realität abbilden soll, sondern um Fragen nach der Echtheit von Kommunikation und Kommunikationsträgern. Dies schließt sowohl den konkreten Austausch (Chat, Messaging etc.) als auch die Selbstdarstellung (Profile in Sozialen Netzwerken, Videos im eigenen Channel etc.) ein. Das Internet ermöglicht es, mit anderen zu kommunizieren, ohne dabei die eigene Identität preiszugeben. Das gilt zwar auch für klassische Kommunikationswege (Brief oder Telefon), im Online-Bereich kommt dem aber eine neue Bedeutung zu, da das Potential der Verbreitung der eigenen Inhalte viel größer ist.

Identität, Selbstdarstellung, Kommunikation – Real oder Fiktiv?

Im Internet kann, etwa in Chaträumen, Foren oder auch Sozialen Netzwerken, unter Verwendung von Pseudonymen kommuniziert werden. Diese können als solche erkennbar sein („Donald Duck“) oder durch Nutzung eines üblichen Namens als echte Bezeichnung der Person erscheinen. Auch Zwischenformen sind gebräuchlich, in denen nur Vorname und Alter (nicht jedoch der Nachname) preisgegeben werden („Lisa17“, „Max11“). Auch die Inhalte der Kommunikation selbst entsprechen oft nicht der Realität. Chats bieten gerade für Teenager die Möglichkeit, sich an fiktiven Charakteren auszuprobieren. Eine gewisse Kompetenz im Umgang mit dem Medium ist erforderlich, damit die Nutzer_innen verstehen, dass in solchen Kommunikationsräumen der Name oft erfunden ist – ebenso wie der Inhalt. Eine Gewähr oder Nachprüfbarkeit der Echtheit von beidem ist grundsätzlich nicht möglich. Diese Kompetenz bildet sich in aller Regel durch die Nutzung und ist ab einem bestimmten Alter vorhanden. Teenager wissen zumeist, bei welchen Kommunikationspartner_innen sie das Geschriebene nicht für bare Münze nehmen können. Für jüngere Kinder ist dieses Wissen jedoch keine Selbstverständlichkeit. Es besteht die Gefahr, dass Kinder oder Jugendliche in die Irre geführt werden. Das Grooming, d.h. die Annäherung von z.B. potentiellen Sexualstraftäter_innen an Minderjährige, kann über eine vorgegaukelte Identität erfolgen. Das Internet bietet in seiner Multimedialität zudem die idealen Voraussetzungen zur Selbstdarstellung. In sozialen Netzwerken können Profile angelegt werden, die eine Kurzdarstellung der Person enthalten und grundsätzlich frei gestaltbar sind. Durch das „Teilen“ von alltäglichen und weniger alltäglichen Ereignissen via Foto und Video, Text und Ton besteht ein ständiger Kontakt mit der eigenen Peergroup, ggf. auch darüber hinaus. Hier können die Nutzer_innen mit diversen Mitteln operieren, um das Ergebnis ihren Wünschen entsprechend zu gestalten. Die Frage, wie „realitätsnah“ die Darstellungen sind, liegt in der Hand der Veröffentlichenden. Die Selbstdarstellung im Internet hängt mit weiteren Aspekten des Jugendmedienschutzes zusammen, etwa mit dem Cybermobbing oder der ungewünschten Verbreitung privater Daten. Ungeschickte Veröffentlichungen können zu Mobbing führen. Bei der Selbstdarstellung ist ab einem gewissen Alter von der Kompetenz der rezipierenden Nutzer_innen auszugehen, Informationen nicht automatisch als korrekt wahrzunehmen und mit der Preisgabe eigener Daten vorsichtig zu sein.

Medienbeispiel: Aussagen zur Selbstdarstellung im Internet

Die Fähigkeit, Realität und Fiktion zu unterscheiden und die Graubereiche zwischen beiden Polen zu erkennen, steigt mit zunehmender Lebens- und Medienerfahrung. Um Medieninhalte richtig in die eigene Lebenswelt einzuordnen, ist es wichtig, kritisch mögliche Absichten und Interessen derer zu hinterfragen, die Informationen bereitstellen bzw. Kontakt aufnehmen.

Hintergrund

In der Entwicklungspsychologie geht man davon aus, dass Kinder ab ca. 6 bis 7 Jahren Realität (Wirklichkeit) und Fiktion (Erfundenes) relativ gut unterscheiden können.[9] Doch gibt es Medienformate, die für Rezipient_innen eine Herausforderung sind, diese Unterscheidung sicher vorzunehmen. Allerdings werden auch die Fähigkeiten der Mediennutzer_innen, zu differenzieren, immer besser. Im Bereich des Spielfilms werden schon länger typische Elemente des Dokumentarfilms verwendet, um die offensichtliche Fiktion real darzustellen (z.B. „Berlin, Polizeidirektion, 11. August 2015, 17:03 Uhr“ als Einleitung eines neuen Kapitels in einem Krimi). Fiktionale Inhalte, die nicht authentisch sind, mit unpassenden Dialogen und nicht nachvollziehbaren Szenarien, ziehen den Zuschauer nicht in die Handlung und sind deshalb erfolglos. Der Genremix, in dem Elemente aus verschiedenen Formaten vermischt werden, ist für die jungen Zuschauer längst nichts Neues mehr. Entscheidender als die Fähigkeit, in den Medien sicher zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, ist die Frage, was aus der virtuellen Realität der Medien in die Konstruktion des eigenen Weltbildes und der Identität einfließt. „Bei den derzeitig im Trend liegenden Scripted-Reality-Formaten stellt sich das Problem, dass Realität und Fiktion nur schwer zu unterscheiden sind: Die fiktionalen Geschichten im Dokumentationsstil sind aus Jugendschutzsicht relevant, wenn die irreführende Suggestion von Authentizität mit problematischen Botschaften verbunden ist und diese eventuell noch verstärkt.“[10] Die Gefahr, Fiktion für Dokumentation zu halten, wird vor allem bei jungen Nutzer_innen gesehen, von denen 30 % die Formate für „echt“ halten, eine weitere große Gruppe glaubt, sie seien auf der Grundlage echter Fälle produziert worden.[11] Bei den „Pre-Teens“ zwischen 10 und 13 Jahren scheinen diese Sendungen sehr beliebt zu sein, da hier das Kinderprogramm allmählich an Bedeutung verliert und insbesondere der Sender RTL mit Scripted-Reality-Formaten wie „Familien im Brennpunkt“ eingeschaltet wird.[12] Scripted Reality bietet für den Unterricht eine brauchbare Grundlage, um das Verhältnis von Realität und Fiktion zu diskutieren und die Fähigkeit der Jugendlichen zu schärfen, eine plausible Analyse anzufertigen, durch die Fiktives von Realem unterschieden werden kann.

Aufhebung der Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

Medienprofis, die wissen, welche Folgen ein Auftritt in der medialen Öffentlichkeit für ihr Leben haben kann, sind auf dem Rückzug; Privatpersonen, die offensichtlich bereit sind, auch Blamage, Hohn und Spott in Kauf zu nehmen, um sich medial zu präsentieren, dagegen auf dem Vormarsch. Was mit den Talkshows der 1990er Jahre begonnen hat, setzt sich seit Jahren im Internet fort. Auch im WWW müssen sich nicht nur junge Nutzer_innen immer wieder die Frage stellen, ob angebotene Inhalte „echt“ oder „gefaked“ – also gefälscht oder bewusst täuschend – sind. Ganze Webseiten können gefälscht sein – entweder zum materiellen (z.B. Phishing, Daten- und Identitätsdiebstahl) oder zum ideellen Schaden (z.B. Diskreditierung) der User_innen. In bestimmten Situationen werden Nutzer_innen sogar gezielt aufgefordert, ihre Identität zu verschleiern (z.B. durch Pseudonyme oder „Nicknames“ anstelle des eigenen Namens in Sozialen Netzwerken, Foren und Chats). Unter Umständen ist diese Selbstfiktionalisierung sogar Voraussetzung für das Dabeisein (z.B. als Avatar, d.h. künstliche Person oder grafischer Stellvertreter einer echten Person in Computerspielen). In anderen Kontexten, etwa in kinderaffinen Communities, wird dagegen aus Sicherheitsgründen auf die Authentizität der persönlichen Informationen Wert gelegt. So soll verhindert werden, dass sich z.B. Erwachsene, als Kinder „getarnt“, in diesen Communities bewegen. Der Trend zu günstigen und einfach zu bedienenden Videokameras und Smartphones, das Internet mit YouTube & Co. und Fernsehsendungen zum Mitmachen lassen die mediale Selbstdarstellung inzwischen zu einer Angelegenheit werden, die nicht nur Profis vorbehalten, sondern für jedermann möglich ist. Positiv gesehen kann hier ein spielerischer Umgang mit Selbstdarstellung beobachtet werden, durch den potentiell die Mechanismen der Medienwelt durchschaubar und ein Stück weit beherrschbar werden. Andererseits drohen diese Entwicklungen einen Trend zur Selbstinszenierung und eine „Gesellschaft der Beachtungsexzesse“[13] zu befördern.

[1] Hotel Ruanda. USA, Italien, Großbritannien, Südafrika, 2004, Regie: Terry George, 121 Min., FSK: 12.
[2] Schindlers Liste. USA, 1993, Regie: Steven Spielberg, 194 Min., FSK 12.
[3] Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß. USA, Deutschland, 1978, Regie: Marvin J. Chomsky, 419 Min., FSK: 12.
[4] vgl. MPFS 2014, S. 15
[5] Aktuelle Medienbeispiele zum Unterrichtsthema
[6] Die Sendung „Panorama“ beschäftigte sich unter dem Titel „Das Lügenfernsehen“ (Das Erste, 2011) mit dem Thema Scripted Reality.
[7] Jakobs, Hans-Jürgen (2010): Scripted Reality. Fast ein klassisches Drama. In: SZ vom 16.10.2010.
[8] Debatte: Der Tod der Ambivalenz – Scripted Reality verändert den Dokumentarfilm. In: epd medien, 39/2012, S. 6-10).
[9] vgl. König, Dorothea (2000): Die Entwicklung des Kindes zwischen fünf und sieben Jahren. Seminararbeit am Institut für Psychologie der Universität Wien.
[10] Mikat 2012, S. 44
[11] Interview mit Maya Götz (2012): Wenn Kinder fernsehen. In: tv diskurs 59, 1/2012, S. 23-29.
[12] vgl. Hofmann 2012, S. 29
[13] Pörksen; Krischke 2012