Baustein 1: Warum entstehen Verschwörungstheorien

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Quelle: vom Autor aktualisierte und überarbeitete Fassung von: Rathje, Jan: Einführung. In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 5-8, S. 5-6. URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

Als am 24. März 2015 eine Maschine der Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen abstürzte, dauerte es nur wenige Stunden, bis die ersten »Verschwörungstheorien« zu dem Thema online gingen. Die »Expert_innen« wussten sofort, wer den Absturz zu verantworten hatte; die Ergebnisse eines langwierigen Ermittlungsverfahrens waren dafür nicht vonnöten. Wichtigstes Werkzeug der Privatermittler_innen: Die Frage »cui bono?« – Wem zum Vorteil? Statt sich einzugestehen, dass zu dem frühen Zeitpunkt noch keine gesicherten Informationen vorlagen, konzentrierten sich die Postings in Blogs und sozialen Medien darauf, verschiedene Schuldige zu nennen, die vermeintlich den größten Vorteil aus dem Absturz gezogen hätten. Dieser Verdacht allein genügte den »Expert_innen« des Internets, um echten oder ausgedachten Gruppen von Menschen zu unterstellen, in mörderischer Absicht den Absturz des Flugzeugs herbeigeführt zu haben. Ein so herausragendes Moment für die deutsche Luftfahrt konnte sich ihrer Ansicht nach nicht zufällig ereignet haben – dahinter musste ein Plan stecken.

In der Auseinandersetzung mit »Verschwörungstheorien« muss man zunächst anerkennen, dass Verschwörungen real existieren. Die Geschichte ist voller Beispiele, wie Menschen sich im Geheimen zusammengeschlossen haben, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Es ist also nicht von vornherein abwegig, gesellschaftliche und geschichtliche Ereignisse darauf zu prüfen, ob sie das Ergebnis einer Verschwörung waren oder sind. Problematisch wird dieser Vorgang jedoch, wenn der Verdacht einer Verschwörung nicht fallengelassen wird, sobald er sich als falsch erwiesen hat. In diesem Fall lässt sich von einer Verschwörungsideologie sprechen. Verschwörungsideologien versuchen Zufälle oder Ereignisse, auf die Menschen keinen direkten und indirekten Einfluss ausüben (z. B. komplexe gesellschaftliche Vorgänge wie internationale Politik oder Wirtschaft, aber auch Naturkatastrophen etc.) durch den Plan einer großen Weltverschwörung zu erklären. Entgegen einer Theorie, die sich ihrer Widerlegung nicht versperrt, sind sind Ideologien immun gegen Kritik und Widerspruch. Deshalb ist der Begriff “Verschwörungstheorie” eher unpassend, um die unter im meist zusammengefassten Phänomene zu beschreiben.

Durch das Internet wird zunehmend deutlich, wie weit Verschwörungsideologien in der Gesellschaft verbreitet sind. Dies liegt an der Demokratisierung des Netzes, also der Möglichkeit für alle Internetuser_innen, ihre Meinung zu veröffentlichen. Was zuvor nur in einzelnen Studien als Einstellungen der Menschen zutage trat, wird nun täglich von den Menschen in die Öffentlichkeit gesendet. In den sozialen Medien zeigt sich, dass Verschwörungsideologien nicht nur von vermeintlichen gesellschaftlichen Außenseiter_innen verbreitet und geglaubt werden. Der oftmals skandalisierende Ton, das Zusammenspiel von einfachen Erklärungen und der Benennung von Schuldigen ist für die breite Masse attraktiv; und dies unabhängig von Geschlecht, Alter oder Bildung.

Die wissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass Verschwörungsideologien besonders in Krisenzeiten weit verbreitet sind. Große gesellschaftliche Umbrüche, seien es Weltwirtschaftskrisen, Kriege, Revolutionen, Katastrophen oder besonders symbolträchtige Terroranschläge, wecken in den Menschen das Bedürfnis, diese Veränderungen zu erklären. Das Beispiel des Flugzeugabsturzes zeigt, wie Verschwörungsideologien Erklärungslücken mit falschen Sinnzusammenhängen füllen können. Dabei muss nicht notwendigerweise auf fantastische Elemente wie Reptilienmenschen, Aliens, Hohlwelten und Nazi-UFOs zurückgegriffen werden. Manchmal können recht einfache Erklärungen darunter sein, die bis zu einem gewissen Teil Wahrheiten enthalten können. Verschwörungsideologien sind jedoch nicht nur alternative Erzählungen und Erklärungen von realen Ereignissen.

Sprechblasen zu den Ursachen von Verschwörungstheorien erstellen

 

 

Baustein 2: Was sind Verschwörungstheorien?

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Quelle: Rathje, Jan: Begriffe – Was sind Verschwörungsideologien? In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 16-17.URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

„Allgemein wird unter »Verschwörungstheorien« die fantastische Idee verstanden, wonach bestimmte oder alle vergangenen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Ereignisse das Ergebnis einer oder mehrerer Verschwörungen sind. Es wird behauptet, dass eine bestimmte Gruppe wie ein_e Marionettenspieler_in im Hintergrund die Fäden zieht. […] »Verschwörungstheorien« können von außen nur schwer durch Fakten oder Gegenbeweise widerlegt werden, da ihre Anhänger_innen sich vor ihnen verschließen. Die Idee von einer Verschwörung hat sich bei ihnen zu einer Verschwörungsideologie verfestigt, die sie für Widersprüche und Gegenbeweise unzugänglich macht. Allen Verschwörungsideologien ist gemein, dass sie davon ausgehen, einige Wenige würden im Geheimen mit bösen Absichten die Geschicke der gesamten Menschheit steuern. Der Begriff der Ideologie verweist außerdem darauf, dass es sich bei den Vorstellungen nicht nur um private Spinnereien oder falsche Wahrnehmungen handelt, vielmehr sind sie ein Ausdruck einer missverstandenen Welt. Vereinfacht bedeutet dies: Es gibt Dinge in dieser Gesellschaft, die ihre Mitglieder daran glauben lässt, eine kleine Gruppe hätte sich gegen die Mehrheit verschworen. Diese Sicht auf die Gesellschaft gilt es zu hinterfragen. Bei Verschwörungsideolog_innen bleibt dies jedoch aus.

Als Variation von Verschwörungsideologien können Verschwörungsmythen angesehen werden. Sie sind besonders vor dem Hintergrund des Antisemitismus von Bedeutung. Während Verschwörungsideologien reale Gruppen, wie z. B. Geheimdienste, Wirtschaftstreffen oder Freimaurerlogen, die sich auch wirklich im Geheimen/Nicht-Öffentlichen treffen, für alles Schlechte in der Welt verantwortlich machen, beziehen sich Verschwörungsmythen in ihrer Feinddarstellung auf ausgedachte Gruppen. Beispiele hierfür wären der Glaube an eine Verschwörung außerirdischer Reptilienwesen, an den 1784/85 verbotenen Illuminatenorden oder an eine »jüdischen Weltverschwörung« der »Weisen von Zion«. Es kommt bei Verschwörungsmythen weniger auf Beweise einer solchen Verschwörung an, als vielmehr auf den Glauben an diese. Die Grenze zwischen Verschwörungsideologien und Verschwörungsmythen sind fließend und nicht immer klar zu bestimmen. […]

Wesentlich ist, dass eine Verschwörungsideologie sich vor ihrer Kritik verschließt. Wer auch wider besseren Wissens an dem Verdacht festhält, die Weltbevölkerung solle durch Chemie in Kondensstreifen […] vorsätzlich vergiftet werden, ist ein Verschwörungsideologe oder eine Verschwörungsideologin.“

Ergänzung des Autors:

Wie Gesellschaften funktionieren, ist schwer zu begreifen. Gerade in unserer modernen Gesellschaft ist nicht leicht festzustellen, wie eine Sache mit der anderen zusammenhängt. Gerade wenn etwas Schlimmes passiert, stellen viele Menschen die berechtigte Frage: Wie konnte es dazu kommen? Sie suchen also nach Erklärungen, wie Probleme entstehen können und wie die Gesellschaft funktioniert. Dann bieten sie Lösungen an.

Wenn diese Menschen bei ihren Welterklärungen Fehler machen und diese nicht korrigieren, sondern beispielsweise an bestimmten Sündenböcken festhalten, obwohl es diese Gruppen gar nicht gibt oder diese nachweislich nichts damit zu tun haben, dann handelt es sich bei diesen Weltvorstellungen um eine Ideologie.

Ideologien sind besondere Vorstellungen, wie die Welt funktioniert. Eine Verschwörungsideologie gibt vor, dass alle gesellschaftlichen Ereignisse das Ergebnis einer Verschwörung von bestimmten Personen oder Gruppen sind – selbst dann, wenn dies falsch ist.

 

Grafik: Einordnung von Verschwörungserzählungen

Baustein 3: Welche Rolle spielen Verschwörungstheorien für das Selbstbild?

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Quelle: Rathje, Jan: Einführung. In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 5-8, S. 6.

URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

Identität bildet zentrale Funktion“

Verschwörungsideologien konstruieren immer auch einfache Weltbilder und Rollen: Da gibt es die bösen Verschwörer_innen und die Guten, welche die Verschwörung aufdecken und bekämpfen. Um die Gegner_innen zu beschreiben, greifen Verschwörungsideolog_innen auf Feindbilder und Erzählungen zurück, die eine lange Tradition haben. […] Ein nicht zu unterschätzendes Element von Verschwörungsideologien ist deren identitätsbildende Funktion. Sie bieten ihren Anhänger_innen neben dem negativen Feindbild ein positives Selbstbild, das ihnen in der Gesellschaft abhandengekommen zu sein scheint. […]

Menschen, die sich zuvor vereinzelt, überfordert, hilflos, ausgeschlossen, bevormundet, kommandiert und übergangen empfunden haben – ob berechtigt oder nicht, sei einmal dahingestellt –, präsentieren Verschwörungsideologien vermeintlich die Möglichkeiten

  • einem »großen Ganzen« (etwa: dem Konstrukt »Volk«) anzugehören,
  • den Lauf der Welt zu verstehen,
  • eine Lösung für alle Probleme parat zu haben,
  • die Schuldigen für die gesellschaftliche/eigene Misere benennen zu können,
  • den vermittelten gesellschaftlichen Verhältnissen eine »natürliche«, direkte und stabile Ordnung entgegenzusetzen (z. B. Mann-Frau-Kind-Familie, Naturmedizin, Religion/Esoterik, Tauschringe, Eigenanbau von Nahrungsmitteln),
  • selbstbestimmt handeln zu können, also Kontrolle über das eigene Leben zu haben (Demonstrationen veranstalten, Schreiben an Behörden aufsetzen, aus der BRD austreten und/oder eine Reichsregierung gründen[1], andere auf Blogs und in sozialen Netzwerken bekehren, etc.),
  • besser und wertvoller als die anderen Menschen zu sein (elitäres Wissen um die »Verschwörung«),
  • Anerkennung und Selbstbestätigung in verschwörungsideologischen Gruppen zu erfahren etc.

Diese Liste ist keine vollständige oder systematische Aufstellung aller Vorteile, die Verschwörungsideologien mit sich bringen können oder vorgeben mit sich zu bringen. Dennoch zeigt sich bereits an diesen Beispielen, welche zentrale Rolle die Identitätsfunktion innerhalb der Verschwörungsideologie spielt.“

Ergänzungen des Autors

Für das Selbstbild von Verschwörungsideolog*innen ist ein weiterer wichtiger Punkt, dass ausschließlich die Verschwörer*innen als Täter*innen beschrieben, während die Guten lediglich deren Opfer seien. Um dieses Bild aufrecht zu erhalten, nutzen Anhänger*innen alle Quellen, die dieses Bild stützen. Dabei kommt es leider nicht auf Rationalität oder bessere Argumente an. Wenn Politik, Medien oder Wissenschaft auf die problematischen Inhalte von Verschwörungsideologien hinweisen, werden sie ignoriert, oder als Teil der Verschwörung interpretiert: Wenn etwa eine Studie zeigt, dass gar keine “Islamisierung” Europas stattfindet, dann muss aus Sicht der Verschwörungsideolog*innen diese Studie Teil einer Vertuschungskampagne sein. Die gefühlte Wahrheit zählt mehr, als jeder Beweis dagegen.

 

[1] Anmerkung: Einige Verschwörungsideolog*innen glauben fälschlicherweise, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht wirklich existiert oder sie aus ihr austreten könnten. Manche teilen die falsche Vorstellung, dass ein Deutsches Reich weiterbestehen würde. In diesen Fantasiestaat glauben sie, bestimmte Ämter einzunehmen, z.B. als „Reichskanzler“ oder „Reichspräsident“. Das kann zu großen Problemen führen, weil diese Menschen oftmals aufhören, Steuern zu bezahlen. Dann stehen irgendwann die Gerichtsvollzieher*innen und Polizist*innen vor der Tür.

 

Baustein 4: Wie nutzen Menschen Verschwörungsideologien?

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4a – Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion – Das Leid hat einen Sinn

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Quelle: Rathje, Jan: Funktionen – Wie nutzen Menschen Verschwörungsideologien? In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 19-23, S. 19-20. URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

„In der Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass Verschwörungsideologien vier Funktionen erfüllen. Diese umfassen die Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion, die Identitätsfunktion, die Manipulationsfunktion sowie die Legitimationsfunktion. Die beiden letzten zeigen sich besonders in der Arbeit verschwörungsideologischer Agitator_innen[1].

  1. Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion – Das Leid hat einen Sinn

Die Zusammenhänge der Gesellschaft sind vielschichtig und unübersichtlich. Vieles vollzieht sich hinter dem Rücken der Menschen, die Zusammenhänge von verschiedenen menschlichen Handlungen sind nur schwer zu begreifen. Verschwörungsideologien bieten ganz allgemein die Möglichkeit, gesellschaftliche und historische Ereignisse sinnvoll zu ordnen. Dies haben sie mit der Esoterik und Religionen gemein; vor allem dann, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, warum guten Menschen Schlechtes widerfährt. Verschwörungsideologien vereinfachen jedoch die gesellschaftlichen Zusammenhänge in unzureichender Weise, wenn in ihnen bestimmte Feind_innen ausschließlich für das Leid in der Welt verantwortlich gemacht werden. Dabei folgen Verschwörungsideologien einer überlegenen Logik. Sie können auch zwischen nicht-zusammenhängenden oder widersprüchlichen Ereignissen Verbindungen herstellen, wie etwa zwischen persönlichem Unwohlsein und Kondensstreifen von Flugzeugen im Verschwörungsideologem der »Chemtrails. Für Verschwörungsideolog_innen ist die Welt nicht kompliziert, sie scheint nur so zu sein. Viele glauben, auch weiterhin im Feudalismus zu leben. Hier scheinen sich Wunschvorstellungen und starke Vereinfachungen zu vermischen. Der Feudalismus war eine Gesellschaftsform, in der Herrschaft direkt nachvollzogen werden konnte: Der Lehnsherr befiehlt, die Lehnsnehmer gehorchen, die untersten Bevölkerungsteile haben wenig bis keine Mitsprache. Die bürgerliche Gesellschaft ist jedoch viel komplexer. Herrschaft wird in ihr durch komplexe Prozesse ausgeübt, die aus dem unterschiedlichen Handeln einzelner Personen und Gruppen hervorgehen. Sie ist also nicht unmittelbar sichtbar wie im Feudalismus, sondern nur mittelbar erlebbar.

In der Vorstellung einer einzigen großen Weltverschwörung befähigt die Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion ihre Anhänger_innen, alle geschichtlichen und gesellschaftlichen Ereignisse zu ordnen; sie wird zur Welterklärung.“

[1] Agitator*innen sind Menschen, die andere durch Reden oder Texte dazu mobilisieren wollen, bestimmte Dinge zu tun. Dabei verfolgen sie politische Ziele. Agitation wird gemeinhin auch mit Aufwiegelung und Hetze in Verbindung gebracht. Verschwörungsideologische Agitator*innen behaupten, dass man endlich etwas gegen die bösen Verschwörer*innen unternehmen müsse.

Grafik: Vereinfachte Weltsicht von Verschwörungsideolog*innen

 4b – Identitätsfunktion – Wir gegen die Anderen

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Quelle: Rathje, Jan: Funktionen – Wie nutzen Menschen Verschwörungsideologien? In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 19-23, S. 20-22. URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

„In der Wissenschaft[1] wird davon ausgegangen, dass Verschwörungsideologien vier Funktionen erfüllen. Diese umfassen die Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion, die Identitätsfunktion, die Manipulationsfunktion sowie die Legitimationsfunktion. Die beiden letzten zeigen sich besonders in der Arbeit verschwörungsideologischer Agitator_innen[2]. […]

  1. Identitätsfunktion – Wir gegen die Anderen

Die Identitätsfunktion von Verschwörungsideologien bedient ein wichtiges Bedürfnis der Menschen in der Moderne nach Gemeinschaft. Gefühlen der Vereinzelung und Unbestimmtheit setzen Verschwörungsideologien klare Gruppen entgegen. Sie bieten ihren Anhänger_innen ein konkretes Bild von ihren Feind_innen und sich selbst. Die Beschreibungen der eigenen und der gegnerischen Gruppe sind verbunden mit einem dualistischen, also simplen schwarz-weißen Weltbild. Verschwörungsideolog_innen benennen allgemein ihre Feind_innen als »Böse«, womit sie gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass sie zu den »Guten« gehören. Die Einteilung und Beschreibung beider Gruppen wird gleichzeitig vorgenommen. Dies geschieht auch dann, wenn scheinbar nur über die Feind_innen eine Aussage getroffen wird. In diesem Fall wird das Eigene als deren Gegenteil vorausgesetzt. In der nachfolgenden Tabelle sind einige allgemeine Eigenschaften der beiden Gruppen in Verschwörungsideologien abgebildet, die sich aus dem dualistischen Weltbild ableiten lassen.

Eine weitere Trennlinie ziehen Verschwörungsideolog_innen zwischen sich und den anderen Betrogenen. Verschwörungsideolog_innen verfügen über das Wissen um die vermeintliche Verschwörung. Dies macht sie zu »Wissenden« oder »Erwachten« und damit innerhalb der Mehrheit der Betrogenen zur Elite. Für die Unwissenden werden häufig Bezeichnungen genutzt, die auf ihre Unwissenheit und Folgsamkeit hinweisen, wie etwa »Schlafende« oder »Schafe«. Gleichzeitig wird mit dieser Unterscheidung auch die Aufgabe formuliert, die »Schlafenden« zu wecken und von der Verschwörungsideologie zu unterrichten. Hierin sehen Verschwörungsideolog_innen einen wichtigen Beitrag in der Bekämpfung der eingebildeten Verschwörung.

Feindbilder: Die Anderen sind die Bösen

Die Feindbilder von Verschwörungsideologien bestehen aus einem Sammelsurium an sozialen, politischen oder moralischen Zuschreibungen. Die Feind_innen werden als »Agenten des Bösen« beschrieben, als Handlanger des Teufels oder des Bösen an sich. Aus der Perspektive der Verschwörungsideolog_innen ist deren hauptsächliche Handlungsmotivation, die Gruppe der Verschwörungsideolog_innen zu beseitigen. Besonders heimtückisch dabei: Die Feind_innen sind nicht nur eine Bedrohung von außen, sie sind auch im Innern (des Staates, des Volkes etc.) zu finden.

Um die Feind_innen zu beschreiben, greifen Verschwörungsideolog_innen auf verschiedene Geschichten, Mythen und Figuren zurück, die als Wissen in ihrer Gesellschaft vorhanden sind. Problematisch ist hierbei, dass gerade über die Gruppe der Jüdinnen und Juden viele Mythen und Vorurteile existieren, die in Verschwörungsideologien als Beschreibung der Verschwörer_innen genutzt werden.

Die nachfolgende Übersicht erhebt nicht den Anspruch, eine vollständige Liste von möglichen Feindbeschreibungen in Verschwörungsideologien zu sein. Sie bildet jedoch die häufigsten stereotypen Feindbilder ab.

  • »Die Heuschrecken«, das Finanzkapital, die Wall Street, die »Bankster« etc.

Hier wird das Bild der faulen und gierigen Finanzeliten nachgezeichnet. Sie allein werden für bestehende wirtschaftliche Missstände verantwortlich gemacht. Dem Feindbild liegt ein Missverständnis des Wirtschaftssystems zugrunde. Es ist bei Verschwörungsideolog_innen zu finden, die sich selbst als »rechts« oder »links« verstehen.

  • »Die da oben«, korrupte Politiker_innen, »Volksverräter«

Bei diesem Feindbild verhält es sich ähnlich dem der Finanzeliten. Die Komplexität politischer Systeme wird stark vereinfacht. So werden etwa widersprüchliche Haltungen, Aushandlungsprozesse, Einzelinteressen oder strategische Entscheidungen ausgeblendet. Gleichzeitig verdeutlicht dieses Feindbild auch, wie sich Verschwörungsideolog_innen Politik wünschen. Politiker_innen sollen lediglich einen eingebildeten Volkswillen umsetzen. Wird verhandelt, werden Minderheiten besondere Rechte zugestanden oder Einzelinteressen vertreten, ist dies aus verschwörungsideologischer Perspektive »Verrat« am vermeintlichen Mehrheitswillen des Volkes.

  • 1%, Bilderberger, politökonomische Gruppen

Dieses Feindbild stellt eine Mischung aus den ersten beiden Feindbildern dar. Es wird unterstellt, dass die mächtigsten Personen der Welt nicht nur ihre Machtfülle gemeinsam hätten, sondern einer Gruppe angehörten, in der sie gemeinsam einen großen Plan verfolgen würden.

  • »Lügenpresse«, »Systemmedien«, »Judenpresse«

In diesen Bildern drückt sich eine undifferenzierte Medienkritik aus. Anstelle einer berechtigten Kritik an bestimmten Artikeln oder Berichterstattungen öffentlich anerkannter Medien werden diese pauschal als Werkzeug der »Verschwörer_innen« verleumdet. Dagegen setzen Verschwörungsideolog_innen vermeintlich »alternative« Medien, die jedoch ausschließlich verschwörungsideologische Inhalte verbreiten.

  • Die »Juden«, die »jüdische Weltverschwörung«, die Neue Weltordnung (NWO)

Das Feindbild des »Juden« bzw. des Mythos einer »jüdischen Weltverschwörung« ist die Verbindung aller vorherigen.“[3]

[1] Vergl. Pfahl-Traughber, A. (2002): ‚Bausteine‘ zu einer Theorie über ‚Verschwörungstheorien‘. Definitionen, Erscheinungsformen, Funktionen und Ursachen. In: Reinalter, H. (Hg.): Verschwörungstheorien. Theorie – Geschichte – Wirkung, Innsbruck, S. 30–44.

[2] Agitator*innen sind Menschen, die andere durch Reden oder Texte dazu mobilisieren wollen, bestimmte Dinge zu tun. Dabei verfolgen sie politische Ziele. Agitation wird gemeinhin auch mit Aufwiegelung und Hetze in Verbindung gebracht. Verschwörungsideologische Agitator*innen behaupten, dass man endlich etwas gegen die bösen Verschwörer*innen unternehmen müsse.

[3] Ausführlicher: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 45. URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

 

Grafik: Allgemeine Zuordnung von „gut“ und „böse“ in Verschwörungsideologien

4c – Manipulationsfunktion – Agitation und Propaganda | Legitimationsfunktion – Rechtfertigung von Taten

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Baustein 5: Internet & Verschwörungstheorien

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Quelle: Rathje, Jan: Internet. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 18. URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

Internet

„Eine besondere Rolle in der Auseinandersetzung mit Verschwörungsideologien spielt das Internet. Die Möglichkeiten des einfachen Austauschs werden seit seiner Entstehung auch zur Verbreitung von Verschwörungsideologien genutzt. Seit dem Aufkommen der sozialen Medien wie Facebook, Twitter und ähnlichen wird immer deutlicher: Verschwörungsideologische Behauptungen werden von vielen Menschen geliked und geteilt. Auf diese Weise bauen sich Menschen eine sogenannte Filterblase. Durch ihr Liken und Teilen von bestimmten Inhalten, Personen oder Gruppen oder durch das Suchen und Anschauen bestimmter Videos im Internet verschließen sie langfristig ihre Weltsicht vor Kritik. Gleichzeitig werden ihre eigenen verschwörungsideologischen Ansichten wiederholt und damit bestärkt. Ähnliches kann auch in der Offline-Welt passieren. Die Auswahl der eigenen Freundschaften, Stammtische, Zeitungs- oder Zeitschriftenabonnements etc. kann ebenfalls dazu führen, dass Meinungsvielfalt eingeschränkt wird. Das Internet begünstigt solche Prozesse: 1. Das Internet erleichtert es Menschen, sich Freund_innen sowie ihre Informationsquellen nach den eigenen Bedürfnissen zusammenzustellen. Gleichzeitig ist es jedoch durch Ausblenden und Blocken ebenso einfach möglich, unliebsame Meinungen und Kritik auszublenden. Problematisch wird es dann, wenn die sich so entwickelnden Filterblasen menschenfeindliche und antidemokratische Inhalte mit einschließen. 2. Die Algorithmen der Suchmaschinen und sozialen Medien schlagen User_innen ständig neue Seiten und Personen vor, die eine ähnliche oder gleiche Position vertreten. Dieser automatische Prozess soll ihr Bedürfnis nach weiteren Informationen aus ihren Interessensgebieten befriedigen. Zwar bemühen sich die Unternehmen, den User_innen ein vielfältiges Angebot zu unterbreiten, gleichzeitig unterliegt dieses Angebot jedoch bestimmten technischen Vorgaben. So wird auch von technischer Seite die Bildung von Filterblasen und Echokammern begünstigt.“

Collage | Screenshots/Facebook

 

Filterblase

Baustein 6: Warum sind Verschwörungstheorien gefährlich?

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Quelle: Rathje, Jan: Gefahren von Verschwörungsideologien. In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin, S. 23-24. URL: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf

Gefahren von Verschwörungsideologien

Schüren von Hass und Gewalt gegen »Verschwörer_innen«

In Verschwörungsideologien werden Feindbilder gezeichnet. Menschen, die persönlich für gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht werden, leben in der Gefahr, dass Verschwörungsideolog_innen sich motiviert sehen, Gewalt gegen sie auszuüben. Bei einer nichtexistierenden Gruppe, wie den Illuminaten, mag dies weniger das Problem sein. Allerdings arbeiten Verschwörungsideolog_innen stets mit großem Einsatz daran, die geheimen Mitglieder zu identifizieren. Wenn dann pauschal Jüdinnen und Juden oder Banker_innen als Mitglieder der Verschwörung identifiziert werden, der anonymen Verschwörung also konkrete Personen zugeordnet werden, droht diesen Menschen verschwörungsideologisch motivierte Gewalt.

Antidemokratische Parallelwelt

Verschwörungsideologien isolieren ihre Anhänger_innen auf Dauer vom Rest der Gesellschaft. Die Gefahr liegt darin, dass sich die Menschen mit dieser Ideologie eine widerspruchsfreie Welt konstruieren, in der alles nach einem einfachen Schema eingeordnet werden kann. Dieser Prozess untergräbt jedoch demokratische Willensbildungsprozesse. In Demokratien ist Politik ein Aushandlungsprozess zwischen Individuen und Gruppen mit komplexen Interessenlagen. Durch die Vorstellung, die Welt ließe sich in Gut und Böse einteilen, scheinen politische Entscheidungen ebenfalls diesem Schema zu entsprechen. In Kombination mit der Selbstwahrnehmung als Vertreter_innen der Mehrheit der Bevölkerung reduzieren Verschwörungsideolog_innen Demokratie auf die Vorstellung der autoritären Umsetzung des Mehrheits- oder gar des »Volkswillens«. Zum einen haben Minderheiten in diesem antidemokratischen Politikverständnis keinen Platz, zum anderen darf darin auch keine Opposition existieren. Die Sehnsucht nach einer konflikt- und widerspruchsfreien Gemeinschaft zeigte sich etwa bei der Bewegung der »Mahnwachen für den Frieden« der Jahre 2014/15, die bundesweit von dem Verschwörungsideologen Lars Mährholz ins Leben gerufen wurden. Auf den einzelnen Treffen, die zumeist am Montagabend stattfanden, vereinten sich Menschen mit sehr unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Positionen. Anstatt sich dieser Widersprüche jedoch bewusst zu werden und auf äußere Kritik an eben jenen inhaltlich zu reagieren, schlossen sich Teilnehmende unter dem Dach einer diffusen Verschwörungsideologie zusammen, die den Feind vornehmlich in den USA, dem US-amerikanischen Notenbanksystem, dem Geldsystem und der Wall Street verortet. Ein weiteres Beispiel für den Versuch der Bildung einer widerspruchsfreien Gemeinschaft zeigt sich bei Menschen, die glauben, in einem Deutschen Reich anstelle der Bundesrepublik Deutschland zu leben. Diese Menschen bezeichnen sich selbst teilweise als »Reichsbürger«, bei ihnen handelt es sich jedoch um rechtsextreme Verschwörungsideolog_innen, die der Überzeugung sind, die Bundesrepublik Deutschland sei Teil einer »antideutschen« Weltverschwörung. Egal ob es sich bei den Fantasiestaaten um Königreiche, Freie Republiken oder historische Deutsche Reiche handelt: Widersprüche sind unerwünscht. Eher kommt es zu Putschversuchen, Austritten und Spaltungen, als dass eine andere Meinung als die der Führung geduldet wird. Konsequenterweise gibt es in diesen »Staaten« keine Parteien.

Nationalistisches Selbstbild

Mit der Gefahr der Entwicklung einer antidemokratischen Parallelwelt steht auch die der Herausbildung eines nationalistischen Selbstbildes in Verbindung. In Deutschland lässt sich beobachten, dass Verschwörungsideolog_innen einen besonders starken Bezug auf die Ideen von Wahrheit und einem »deutschen Volk« nehmen. Nicht nur die Bezeichnung von Politiker_innen als »Volksverräter«, der Medien als »Lügenpresse« und die Neuinterpretation der Parole »Wir sind das Volk« weisen auf diesen Umstand hin. Die Zugehörigkeit zum »deutschen Volk« scheint für viele ein wichtiger Stützpfeiler zu sein, auf dem die eigene Identität errichtet wird. Das nationalistische Selbstbild bietet Anknüpfungspunkte an rechtsextreme und andere menschenfeindliche Ideologien. Auch innerhalb des Rechtsextremismus spielen Verschwörungsideologien eine wichtige Rolle. Der Mythos einer »jüdischen Weltverschwörung« wird hier seit Jahrzehnten gepflegt. Für Deutsche bietet das nationalistische Selbstbild im Kontext von Verschwörungsideologien einen besonderen Vorteil. Wenn man etwa glaubt, dass die US-amerikanische Notenbank »seit über 100 Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht«[1], wie es Lars Mährholz verkündete, dann wird die Schuld der Deutschen am Holocaust und den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts relativiert. Wie auch immer diese Verbrechen in eine verschwörungsideologische Erzählung eingeordnet werden, ist dabei unerheblich. Ob die Deutschen nun von einer kleinen Gruppe gezwungen, verführt oder getäuscht wurden, stets werden auf diese Weise deutsche Täter_innen zu Opfern einer Weltverschwörung umdeklariert. Wenn diese zusätzlich als »jüdische« vorgestellt wird, sind in der Erzählung nicht nur die Täter_innen Opfer, sondern die Opfer die »wahren« Täter_innen. Dieses Gemisch aus nationalistischem Selbstbild, Täter_innen-Opfer-Umkehrung und »jüdischer Weltverschwörung« stellt eine Grundlage für die in Deutschland verbotene Leugnung des Holocausts dar.“

[1] Interview von The Voice of Russia Berlin mit Lars Mährholz aus dem Jahr 2014. Online unter http://bit.ly/MaehrholzFED, zuletzt abgerufen 21. November 2016.

 

Baustein 7: Wie kann man Verschwörungstheorien begegnen?

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