Ziel

Die vorliegenden Unterrichtsmaterialien sollen Jugendlichen auf der praktischen Ebene einen kompetenteren, kreativeren und bewussteren Umgang mit dem zentralen Informations- und Kommunikationsgerät ihrer Medienwelt ermöglichen. Dazu gehört auch die Reflexion des individuellen Nutzungsverhaltens und der Bedeutung von Gerät und Kommunikation in der Peergroup. Im Hinblick auf Fragen des Jugendmedienschutzes ist eine Sensibilisierung für problematische Inhalte und Nutzungsweisen angestrebt, von Mobbing über sexuelle Inhalte bis zu Gewalt. Zusätzlich werden Möglichkeiten des Lernens mit mobilen Geräten vorgestellt, die im Rahmen von Schule und Unterricht ohne aufwändige Zusatzausstattung umgesetzt werden können.

Relevanz

Das Gerät, das immer dabei ist

Das Handy[1] – in der gesamten Geschichte der Menschheit hat wohl kein technisches Gerät so schnell und so intensiv die Nähe der Menschen erobert – im körperlichen wie auch im übertragenen Sinne. Die allermeisten von uns tragen es den größten Teil des Tages mit sich herum. Mehr als die Hälfte der Smartphone-Nutzer_innen sagen, dass sie das Smartphone auch noch im Bett nutzen – und ein Großteil sogar auf der Toilette. Je jünger die Befragten, desto höher sind diese Werte.[2] Vom mobilen Telefon hat sich das Handy inzwischen zum sogenannten „Smartphone“ entwickelt – einem kleinen und gleichzeitig sehr leistungsfähigen Computer mit Internetverbindung und unzähligen weiteren Funktionen, von denen das Telefonieren nur eine unter vielen ist. Wer sich heute ein neues Handy kauft, wird ohne Sonderwunsch kaum noch ein Gerät ohne diese Eigenschaften bekommen – so wie in den letzten Jahren Geräte ohne Kamera die Ausnahme waren.

Statussymbol

Gerade für Jugendliche hat das Handy auf mehreren Ebenen große Bedeutung: Auf der persönlichen Ebene drückt man darüber Individualität aus, sieht es sogar als Statussymbol und passt es innerlich wie äußerlich den eigenen Vorlieben an. So wie für manch Erwachsenen die Automarke viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat, ist bei Jugendlichen inzwischen nicht nur die Marke der Jeans, sondern noch mehr die Marke des Handys Ausdruck der Persönlichkeit. Jugendliche nutzen das Handy für die individuelle (bisweilen sehr persönliche) Beschäftigung, manchmal auch für den Rückzug von der Umwelt, indem sie sich mittels Kopfhörer und Bildschirmblick „einigeln“ und abschotten.

Kommunikationszentrale in der Hosentasche

Gleichzeitig ist die soziale Ebene von großer Wichtigkeit: Auch wenn im Smartphone Kamera, Spiele oder Informationsangebote um die Aufmerksamkeit der Nutzer_innen konkurrieren, ist nach Musik hören und im Internet surfen die wichtigste Nutzungsart für Jugendliche immer noch die Kommunikation mit anderen. Dabei steht gar nicht die Selbstdarstellung im Mittelpunkt, sondern der Austausch innerhalb der Peergroup. Soziale Netzwerke wie Facebook und Messenger-/Chatprogramme wie WhatsApp oder Skype stehen in der Gunst der Jugendlichen ganz oben.[3]

Herausforderungen für Schule und Gesellschaft

Gleichzeitig steht das Thema „Handy und Smartphone“ wie kein anderes für den digitalen Wandel, der sich quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht. Insofern kann das Thema dafür genutzt werden, sich veränderndes Informations- und Kommunikationsverhalten auf individueller und sozialer Ebene zu reflektieren und zu diskutieren – nicht abstrakt, sondern ausgehend von der lebensweltlichen Ebene der Beteiligten.
Für Lehrer_innen wie für Schüler_innen entstehen ganz neue Möglichkeiten zum Lernen mit Unterstützung von Handys und Smartphones. Für viele Unterrichtszwecke, für die man bis vor kurzer Zeit eine teure und komplizierte technische Ausstattung brauchte, können heute die Geräte genutzt werden, die in den allermeisten Klassen in den Hosentaschen bereits vorhanden sind.
Auf der anderen Seite ergeben sich aus den vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten und dem hohen Stellenwert der Handynutzung neue Herausforderungen für die Pädagogik und den Jugendmedienschutz. Der Umgang mit problematischen Inhalten oder auch der aggressive Umgang miteinander – Stichwort Cybermobbing – sind nur zwei Bereiche, in denen die kompetente Begleitung durch andere Menschen, z.B. durch Pädagog_innen, Jugendlichen Unterstützung bieten kann.

Hintergrund

Die doppelte Medienrevolution

Mit der Verbreitung von Handys und Smartphones vollziehen sich derzeit gleich zwei Medienrevolutionen, die sich überschneiden. Mit dem Handy entwickelte sich eine potentiell unbegrenzte Erreichbarkeit. Kommunikation wurde damit (fast) komplett unabhängig vom Ort. Allerdings handelt es sich dabei in der Regel „nur“ um mündliche (und kurze schriftliche) Kommunikation. Mit den Smartphones folgt eine noch viel bedeutendere Umwälzung, um die es im Folgenden gehen soll.

Die Welt wird zur Medienwelt

Die digitale Vernetzung ist allgegenwärtig, zumindest und zuerst für Jugendliche. Für viele von ihnen gibt es kaum einen Lebensbereich, in dem die digitale Kommunikation keine Rolle spielt. Die digitalen Medien sind immer und überall dabei, die Menschen stecken ständig in den Medien drin. Und doch reden wir immer noch von „dem Internet“ oder „den digitalen Medien“, als wären sie ein klar abzugrenzender Spezialfall von Welt.

Anschaulich wird das anhand des Mobiltelefons, das wir (in Deutschland) noch immer „Handy“ nennen.[4] Über die letzten Jahre hat sich dieses Gerät deutlich weiterentwickelt, sodass es nicht mehr nur ein Telefon mit einigen Sonderfunktionen ist. Vielmehr sind die Geräte der aktuellen Generation (potentiell) ständig mit dem Internet verbunden, über GPS als Navigationsgerät zu verwenden, mit hochauflösenden Foto- bzw. Videokameras und entsprechenden Mikrofonen ausgestattet und durch zusätzliche Programme (sogenannte „Apps“) für verschiedenste Zwecke nutzbar. Die Branche hat den Begriff „Smartphone“, also „schlaues Telefon“ dafür geprägt. Die Rede vom „Handy“ oder „Smartphone“ ist allerdings eher eine Verniedlichung für einen kleinen, leistungsfähigen Computer, mit dem man zufällig auch telefonieren kann.

Don’t Call It Handy!

Ein Smartphone ist also ein Handy – und sehr viele andere Dinge auch, z.B.:
eine Enzyklopädie, eine Fotokamera, eine Videokamera, ein Arbeitsblatt, ein Vokabeltrainer, ein Bestimmungsbuch, ein Audiorekorder, eine Zettelablage, eine Spielekonsole, eine Videothek, ein Sexshop, ein Reisebüro, ein Schrittmesser, eine Uhr, ein Wecker, ein Radio, ein Fernseher, eine Selbsthilfegruppe, ein Fotoalbum, ein Taschenrechner, ein Kompass, eine Sternenkarte, ein Navi, ein Musikabspielgerät, eine Plattensammlung, eine Zeitung, ein Wettbüro, eine Bücherei und Unzähliges mehr.

Insofern ähnelt das Smartphone weniger dem traditionellen Handy als vielmehr einem hypermedialen Taschenmesser mit 1000 verschiedenen Funktionen. Und jede einzelne Funktion lässt sich dann auch noch für ganz unterschiedliche Zwecke verwenden. Mit der ständigen Verfügbarkeit von Inhalten und Werkzeugen hebt das Smartphone die Auswirkungen der digitalen Medien auf eine neue Stufe – im Guten wie im Schlechten. Mit der Videofunktion lassen sich Schlägereien auf dem Schulhof und Biologieversuche im Unterricht aufzeichnen. Im WWW sind exzellente Mathe-Erklärungen und Übungen genauso erreichbar wie Pornografie und Gewalt. Und selbst die Enzyklopädie lässt sich zur reflektierten Recherche ebenso nutzen wie für schlichtes Kopieren.

Als wäre das nicht genug, beinhaltet das Smartphone neben den 1000 Werkzeugen noch eine andere Ebene: Es ist nämlich auch Ausgangspunkt und Plattform für Kommunikation und Zusammenarbeit. Fragt man Jugendliche nach ihrem Nutzungsverhalten, so ist Kommunikation für sie sogar der wichtigste Funktionsbereich. Auch hier gilt: Auf die Nutzung kommt es an. Die Kommunikation kann zur gegenseitigen Unterstützung vor der Klassenarbeit genauso gut dienen wie zur Verabredung von Mobbing und Schikane. Die Zusammenarbeit kann dem örtlichen Naturschutz gewidmet sein oder der Organisation von rassistischen oder homophoben Umtrieben.

Boris Becker war gestern

„Das Internet“ oder „die digitalen Medien“ sind heute nicht mehr ein Spezialfall von Welt, ein Werkzeug oder ein Informationsraum, den man anschalten (und ausschalten) kann, den man betreten und dann wieder verlassen kann. Es ist längst nicht mehr so, wie Boris Becker es in der Werbung 1999 beschrieb: „Ich bin drin!“ Damals saß Boris Becker am Schreibtisch, klickte auf ein Symbol – und war „drin“ im Internet. Genauso war er auch wieder „draußen“, wenn er die Verbindung trennte und den Schreibtisch verließ. Heute haben wir in Form von Smartphones den Computer und die Internetverbindung immer und überall in der Hosentasche dabei. Und die Videokamera, den Walkman und das Navi gleich mit. Die meisten Jugendlichen und Erwachsenen sind „always on“ – also immer mit dem Rest der Welt verbunden – zumindest potentiell. Dabei lernen wir gerade erst, wie wir mit der allgegenwärtigen Vernetzung mit 1000 „Freunden“ und der ständigen Verfügbarkeit von 1000 Werkzeugen umgehen können, was wir wofür nutzen können – und unter welchen Umständen wir auch offline gehen können.

Kann man „nicht online sein“?

Diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf alle – selbst wenn man sich als einzelne Person gegen diese Tendenz zur Wehr setzen oder zumindest einfach „nicht mitmachen“ will. Leben im Allgemeinen und immer mehr auch das Schulleben finden auch im Netz statt. Selbst wenn ich als Lehrer_in nicht einmal weiß, was WhatsApp ist – wahrscheinlich hat meine Klasse dort eine Gruppe zur Kommunikation auch schulischer Fragen. Selbst wenn ich als Schüler_in nichts mit Facebook zu tun haben will – möglicherweise bin ich auf Fotos dort zu finden, die andere eingestellt haben. Für Schüler_innen, Lehrer_innen, Eltern und Schulleitung, für alle ist „das Ende des freiwilligen Internets“[5] erreicht. Die Betroffenen haben nicht mehr die Wahl, ob sie Teil davon sind, sondern nur noch, ob sie sich dort selbst aktiv beteiligen oder ob die digitale Konversation quasi hinter ihrem Rücken stattfindet.

Hermines Handtasche mit unaufspürbarem Ausdehnungszauber

1000 Werkzeuge, gigantische Kommunikationsmöglichkeiten und eine mächtige Plattform zur Zusammenarbeit, all das ist mit dem Smartphone auf einen Schlag in der Hosentasche eines Jugendlichen und – im wahrsten Sinne des Wortes – „im Handumdrehen“ verfügbar. Zwar haben wir Menschen (und Jugendliche im Besonderen) schon immer gelernt, mit neuen Werkzeugen und Möglichkeiten umzugehen, jedoch erzeugt die Schlagartigkeit des digitalen Wandels eine besondere Qualität: Mit dem Smartphone ist alles gleichsam sofort von Null auf Hundert verfügbar und nicht schrittweise, nach und nach, kontrolliert von Erwachsenen.

Medienbeispiel: handysektor.de – Was ein Smartphone alles kann

Ein kurzer Exkurs: Im Buch und im Film „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ sind die Protagonist_innen auf der Flucht. Die Autorin Joanne K. Rowling hat sich dabei einen besonderen Kniff einfallen lassen, um ihre Held_innen gleichzeitig beweglich (also ohne jeden Ballast) und mächtig (also mit vielfältiger Ausstattung) handeln zu lassen. Dafür hat Harrys Begleiterin Hermine eine „Handtasche mit unaufspürbarem Ausdehnungszauber“ dabei. Diese Handtasche hat äußerlich normale Maße, ist also problemlos überallhin mitzunehmen, aber im Inneren hat sie alles Erdenkliche an Ausstattung dabei, ohne dass damit Platz verbraucht werden würde. (Manch einer kennt den Effekt aus dem Film „Mary Poppins“: Die Heldin zieht problemlos eine Stehlampe aus ihrer Tasche.) Ein Smartphone hat viel Ähnlichkeit mit so einer „Zauber-Handtasche“: Es ist selbst klein und unauffällig, aber darin verbergen sich tausendfache Möglichkeiten, die alle stets überall verfügbar sind. Insofern ist die Diskussion um „die“ Nutzung von Smartphones häufig zu ungenau. Es braucht einen zweiten, differenzierten Blick auf das, was genau gerade aus der Zauber-Handtasche hervorgezogen wird. Mit dem Smartphone haben heute Jugendliche eine Ausrüstung in der Tasche, die wir bislang nur von Zauberinnen, James Bond oder „Raumschiff Enterprise“ kannten.

Es ist offensichtlich, dass hier ein weites und wichtiges Feld nicht nur für die medienpädagogische Arbeit liegt, sondern für alle, die am digitalen Wandel beteiligt sind – und das sind wir alle, ob wir wollen oder nicht. Die gute Nachricht ist: Die Entscheidung über die Verwendung der Technik fällt vor dem Gerät individuell durch den/die Nutzer_in. Es liegt an uns selbst, wie wir die Potentiale nutzen und wie wir mit den Problemen umgehen.

Technik wird unsichtbar

Die technologische Entwicklung schreitet derweil rasant voran. Die Geräte werden weiterhin jedes Jahr leistungsfähiger, kleiner und günstiger. Die allgegenwärtige vernetzte Technologie wird damit gewissermaßen unsichtbar. Schon heute kann man über einen einfachen Blick nicht mehr erkennen, ob jemand einen leistungsfähigen Computer am Körper trägt oder nicht – mit einem Smartphone in der Hosentasche sind die Geräte „von unten“ auch in die Schulen hineingetragen worden. Selbst die Kontrolle, ob ich ohne mein Wissen fotografiert, gefilmt oder der Ton mitgeschnitten wird, ist nicht mehr möglich, wenn die Geräte dafür so klein sind, dass sie fast unsichtbar werden. Umso wichtiger wird die grundlegende Beschäftigung mit diesen Themen. Dabei geht es nicht um „Bedienungsanleitungen“ und die Frage, wo man wie oft drücken, klicken oder „touchen“ muss. (Die Bedienung ist inzwischen so intuitiv, dass sie sich meist schnell erschließt.) Wichtig ist der Blick hinter die Kulissen, unter die Oberfläche. Ein grundlegendes Verständnis und vor allem eine Diskussion um den sozialen Kontext der Nutzung sind entscheidend, wenn wir der technischen Entwicklung nicht nur hinterherlaufen, sondern sie verstehen und selbstbestimmt nutzen wollen.

[1]     Obwohl wir im Folgenden darstellen, dass ein herkömmliches „Handy“ und ein modernes „Smartphone“ sehr unterschiedliche Geräte sind, benutzen wir der Einfachheit halber häufig der Alltagssprache folgend „Handy“ als Oberbegriff auch für Smartphones.
[2]     vgl. z.B. Lookout Mobile Security (2012): Mobile Mindset Study. (Die Zahlen beziehen sich auf die USA.)
URL: https://www.lookout.com/resources/reports/mobile-mindset
[3]     MPFS 2014, S. 48
[4]     Der Begriff „Handy“ ist nur im Deutschen üblich. Im Englischen hat das Wort die Bedeutung „bequem“, „praktisch“, „handlich“, „passend“. Für ein Mobiltelefon wird „mobile (phone)“ (eher Brit.) oder „cell (phone)“ (eher Amer.) verwendet.
[5]     Seemann, Michael (2010): Das Ende des freiwilligen Internets. In: Zeit online vom 30.08.2010.
URL: http://www.zeit.de/digital/internet/2010-08/streetview-opt-in