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Einführung

Die Abbildung zeigt das Interesse am Begriff Cybermobbing, gemessen an der Anzahl der Suchanfragen nach dem Begriff bei Google.[1] Bis Anfang 2009 spielte der Begriff im deutschsprachigen Raum so gut wie keine Rolle. (Im Englischen wird der Begriff nicht verwendet, dazu später mehr.) Seitdem ist ein rasanter Anstieg des Interesses zu beobachten, wobei die Beschäftigung mit dem Thema mehrfach zu einzelnen Zeitpunkten sprunghaft anstieg – in der Regel anlässlich von Medienberichten über aufsehenerregende Fälle[2] – und danach wieder abebbte.

Die Forschung zu Cybermobbing ist noch relativ jung. Für den Laien mögen sich die Forschungsergebnisse sogar widersprechen, erst recht, wenn sie in den Medien auf Schlagzeilen verkürzt werden, z.B. „Cybermobbing greift um sich – jeder dritte Schüler ist betroffen!“ In anderen Studien ist davon die Rede, dass 5 % oder 10 % der Jugendlichen von eigenen Mobbing-Erfahrungen berichten. Wie ist dieser Unterschied zu erklären?

Zunächst muss festgehalten werden, dass es keine präzise Definition von Cybermobbing gibt. Bevor wir einen genaueren Blick auf die Ergebnisse verschiedener Studien werfen, soll zunächst geprüft werden, was genau unter Cybermobbing zu verstehen sein kann. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht. Nicht jede SMS mit dem Inhalt „Martin ist doof!“ gefährdet die Entwicklung eines Kindes. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Verhaltensweisen im Internet, die als problematisch einzustufen sind, auch wenn sie nicht unter Cybermobbing fallen, jedoch nicht immer eindeutig davon abzugrenzen sind. Vor diesem Hintergrund werden im Rahmen dieses Unterrichtsmoduls auch Formen problematischen Verhaltens behandelt, die Cybermobbing zwar nicht betreffen, aber das thematische Umfeld berühren und deswegen auch miteinander behandelt werden können.

Die konkrete Abgrenzung von Cybermobbing ist zudem aufgrund eines anderen Umstands schwierig: Für Jugendliche ist die Welt nicht klar in „virtuelle Welt“ einerseits und „reale Welt“ andererseits getrennt. Beide Ebenen sind miteinander verwoben. Auch die Kommunikation im virtuellen Raum ist durchaus real. Kommunikation über Handy und Smartphone ist nicht prinzipiell etwas anderes als Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Insofern sind auch Cybermobbing und Mobbing ohne Technologie häufig nicht voneinander zu trennen. Eine Reihe von Schikanen kann ihre Ursache und ihren Beginn im Sportunterricht haben, auf Facebook eskalieren, auf dem Schulhof fortgesetzt und Auswirkungen in den Klassenraum hinein haben. Die „Cyber“-Komponente ist also häufig nur die Ergänzung eines größeren Phänomens.

Zur Definition von Cybermobbing

In der Wissenschaft werden verschiedene Bestandteile einer Definition von Cybermobbing unterschieden.[3] Zusätzlich zur „Cyber“-Komponente, also dem Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, lehnt man sich an vier Komponenten an, die auf dem traditionellen Begriff des Mobbings in der Schule („offline“) aufbauen:

1) Informations- und Kommunikationstechnologien

Die erste Komponente ist relativ eindeutig, auch wenn darunter ein großer Bereich fällt: Es geht um Verhaltensweisen und Inhalte, für die Informations- und Kommunikationstechnologien genutzt werden. Dazu gehören Kommunikationsräume und -anwendungen im Internet wie Chaträume, Soziale Netzwerke und Diskussionsforen, Spieleplattformen oder virtuelle Lernumgebungen, aber auch Kommunikationskanäle wie SMS oder Telefon und schließlich konkrete Werkzeuge wie digitale Kameras.

Diese sehr unterschiedlichen Umgebungen lassen sich nach dem Grad der Öffentlichkeit unterscheiden. Auf der einen Seite stehen öffentliche Medien, z.B. ein weltweit im Internet zu sehendes Video. Auf der anderen Seite gibt es die privaten Medien, z.B. eine SMS an ein Mobbingopfer. Dazwischen steht ein großer Raum von halböffentlichen Medien, auf deren Inhalte nur eine Gruppe von Personen Zugriff hat, z.B. weil für den Aufruf im Internet eine Registrierung oder die Mitgliedschaft in einer Gruppe notwendig ist.

2) Schädigende Absicht

Beim Mobbing wird für gewöhnlich davon ausgegangen, dass dem vom Mobbing betroffenen Opfer bewusst Schaden zugefügt werden soll. Das muss jedoch bei Cybermobbing nicht immer gegeben sein. Gerade weil im Internet die Reaktionen des Gegenübers meist nicht sichtbar werden, kann es sein, dass jemand z.B. ein peinliches Foto „nur aus Spaß“ veröffentlicht und sich darüber lustig macht. Eine schädigende Wirkung für das Opfer kann hier sehr wohl entstehen, auch wenn der Täter möglicherweise für sich beansprucht: „Das war doch alles nur Spaß!“

3) Wiederholung

Auch das in von Mobbing-Definitionen häufig vorkommende Element, dass Mobbing über einen längeren Zeitraum, mit wiederholten Angriffen stattfinden muss, kann nicht eins-zu-eins auf Cybermobbing übertragen werden. Gerade wenn ein Inhalt im Internet permanent dokumentiert ist, so reicht eine Veröffentlichung als einmalige Tat aus, um langfristig Schaden anzurichten.

4) Kräfteungleichgewicht

Während bei Mobbing in der Schule typischerweise das Muster „stärkere Täter gegen schwächere Opfer“ zu beobachten ist, muss das im virtuellen Raum nicht unbedingt der Fall sein. Zum einen liegt das daran, dass ein Angriff hier anonym stattfinden kann – der Täter ist also gar nicht zu identifizieren. Zum anderen gibt es ein gewisses „Gleichgewicht der Kräfte“ im Internet, weil z.B. körperliche Stärke nicht von Vorteil ist. Eine höhere Medienkompetenz kann beim Cybermobbing einen Vorteil verschaffen – aber das gilt gleichermaßen für Täter wie Opfer.

5) Arten von (Cyber-)Mobbing

Für das Mobbing in der Schule („offline“) gibt eine Einteilung in verbales, physikalisches und relationales Mobbing. Auch diese Dreiteilung lässt sich nicht einfach auf Cybermobbing übertragen.

  1. Unter Schikane (harassment) versteht man einen Angriff in Form einer Beleidigung oder Drohung. Auch Stalking lässt sich dazu zählen, z.B. eine SMS mit dem Text „Du dummes Opfer, wir machen Dich fertig!“ oder wiederholte E-Mails, auch nachdem das Opfer die Kommunikation zu beenden wünschte.
  2. Als Verunglimpfung (defamation/libel/denigration) bezeichnet man Aktivitäten, die dem Ansehen des Opfers schaden. Dazu gehören die Verbreitung von Gerüchten und Lügen, z.B. auch (ggf. manipulierte) Fotos, die das Opfer in ein ungünstiges Licht rücken.
  3. Identitätsdiebstahl/Betrug (impersonation) bezieht sich auf Handlungen, bei denen sich ein_e Angreifer_in als das Opfer ausgibt. Das kann geschehen, indem man online unter dem Namen des Opfers kommuniziert oder gleich dessen Online-Identität übernimmt, z.B. durch das Beschaffen der Zugangsdaten.
  4. Bei Intimsphäreverletzungen/Verrat (details touching the intimate sphere/outing) verbreitet der/die Täter_in privates, bisweilen intimes Wissen über das Opfer. Dazu gehört die Weitergabe von z.B. Fotos aus der Umkleide, von der Toilette oder auch von sogenannten „Sextings“ (erotische oder pornografische Aufnahmen, die man nur dem eigenen Partner schickte).
  5. Bei der Ausgrenzung (exclusion) geht es darum, das Opfer aus gemeinsamen Online-Aktivitäten auszuschließen, z.B. bei Gruppen in Sozialen Netzwerken, Messenger-Programmen oder Online-Spielen.

Viele dieser Aktivitäten muss das Opfer nicht zwingend (sofort) bemerken. Es kann durchaus sein, dass Cybermobbing (zunächst) quasi „hinter dem Rücken“ stattfindet.

Zusammenfassung

Stephanie Pieschl und Torsten Porsch fassen diese Überlegungen zu folgender Definition zusammen:

„Cybermobbing sind alle Formen von Schikane, Verunglimpfung, Betrug, Verrat und Ausgrenzung mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien, bei denen sich das Opfer hilflos oder ausgeliefert und (emotional) belastet fühlt oder bei denen es sich voraussichtlich so fühlen würde, falls es von diesen Vorfällen wüsste.“[4]

Medienbeispiel: www.handysektor.de – Cybermobbing

Cybermobbing und Cyberbullying

Wie eingangs erwähnt, wird der Begriff „Cybermobbing“ nur in der deutschsprachigen Debatte genutzt. Im englischsprachigen Raum wird von „Cyberbullying“ gesprochen. Dieser Terminus hat zumindest in den Fachdebatten des deutschsprachigen Raums Einzug gehalten. Dafür gibt es gute Gründe. Zuvorderst schafft er eine Abgrenzung zum etablierten Begriff „Mobbing“, denn dieser ist in der fachlichen Beschäftigung mit dem Thema bereits relativ gut etabliert und hat ein klareres Profil als das etwas diffuse Cybermobbing. In den vorliegenden Dokumenten wird dennoch der Begriff „Cybermobbing“ benutzt, da er in der Praxis verbreitet ist.

Die Rolle von Handy / Smartphone

Handy bzw. Smartphone nehmen beim Cybermobbing aus offensichtlichen Gründen eine zentrale Rolle ein. Beim Cybermobbing geht es immer um Kommunikation – und dies ist auch die wichtigste Nutzungsform der mobilen Geräte. Darüber hinaus ist Cybermobbing stark in den Alltag integriert und hat häufig Schnittmengen zum traditionellen Mobbing. Diese Verzahnung von Schulhof und Schulweg auf der einen Seite und virtuellen Welten auf der anderen Seite wird ebenfalls durch die mobilen Geräte begünstigt. Ein dritter Punkt kommt hinzu: Bei vielen Formen des Cybermobbings stehen Fotos, Videos oder (seltener) Tonaufnahmen im Zentrum. Da Handys und Smartphones über gute Aufnahmefunktionen für Bild und Ton verfügen, sind sie also Tatwaffe und Tatort gleichzeitig.

Wie verbreitet ist Cybermobbing?

Sichtet man Studien zum Thema, so fällt ins Auge, dass recht unterschiedliche Zahlen genannt werden. Der Grund dafür ist vor allem in methodischen Unterschieden zu suchen. Fast immer werden Befragungen als Erhebungsmethode genutzt. Dabei wird aber der „Tatbestand“ ganz unterschiedlich definiert. Während manchmal direkt von „Cybermobbing“ gesprochen wird, wird andernorts z.B. gefragt: „Gibt es jemanden in Deinem Bekanntenkreis, der schon mal im Internet fertiggemacht wurde?“ (JIM-Studie 2012). Wieder andere Studien fragen einzelne Unterarten ab (wie etwa die zuvor vorgestellten fünf verschiedene Arten). Doch auch hier gibt es keine einheitliche Definition.

Hinzu kommt, dass entweder nach der persönlichen Betroffenheit oder nach den Vorkommnissen im persönlichen Umfeld gefragt wird. Ebenso macht der in den Fragen angegebene Zeitraum einen Unterschied. Die Frage „Warst Du in den letzten zwei Monaten betroffen von …“ wird andere Ergebnisse hervorbringen als die Frage „Warst Du schon mal …“

Diese Umstände machen deutlich, dass bei pauschalen Urteilen und Aussagen zum Thema Cybermobbing Vorsicht angebracht ist. Wenn man wirklich etwas Allgemeingültiges feststellen möchte, so kann das nur sehr unkonkreter Natur sein. Pieschl und Porsch fassen nach Sichtung verschiedener Studien zusammen: „Je nach Art des abgefragten Cybermobbings sind in Deutschland zwischen 4 und 36 Prozent der Schüler/innen Opfer von Cybermobbing, und zwischen 15 und 55 Prozent der Schüler/innen sind Täter von Cybermobbing.“[5] Einzelne Studien, die die unterschiedlichen Arten von Cybermobbing erfassen, geben Hinweise, dass Schikane und Verunglimpfung deutlich häufiger vorkommen als Betrug, Verrat und Ausgrenzung.

Andere Studienergebnisse zeigen:[6]

  • Es gibt keine einheitlichen Ergebnisse hinsichtlich des Geschlechts von Opfer und Täter.
  • Im Jugendalter scheint es einen Höhepunkt von Cybermobbing in den Klassenstufen 7 und 8 zu geben.
  • Die Gruppen von Opfern und Tätern überschneiden sich stark.
  • Es gibt widersprüchliche Ergebnisse, ob eine elterliche Kontrolle der Internetnutzung ein Schutzfaktor ist oder nicht.

Wie damit umgehen?

Pieschl und Porsch unterscheiden folgende Strategien im Umgang mit Cybermobbing:[7]

  • ignorieren und nichts tun
  • Hilfe holen und anderen vom Cybermobbing erzählen
  • technische Strategien
  • Strategien gegen den Täter

Sie diskutieren Beispiel, Vor- und Nachteile und fassen anschließend folgende Empfehlungen zusammen:

  • „nie ‚zurückmobben’
  • manchmal nichts tun
  • manchmal Nachrichten blockieren
  • manchmal eigene Konten und Nutzernamen wechseln
  • manchmal den Täter von Cybermobbing zum Aufhören auffordern
  • manchmal Kontakt im realen Leben suchen
  • manchmal zur Polizei gehen
  • immer Beweise sichern
  • immer den Täter beim Anbieter melden
  • immer Hilfe holen
  • immer Erwachsenen davon erzählen.“[8]

Ausführliche Hinweise sind in Materialblatt_HANDY_06 in Form einer Checkliste „Erste Hilfe beim Cybermobbing“ zu finden. Zusätzlich werden auf Materialblatt_HANDY_07 Websites vorgestellt, die mit Informationen und Beratung Unterstützung für Opfer von Cybermobbing bieten.

Was dieses Material nicht leisten kann

Präventionsarbeit

Inzwischen sind auch auf Deutsch einige Programme zur Prävention von Cybermobbing verfügbar. Die Durchführung von einschlägigen Maßnahmen würde den Rahmen sprengen, der für die vorliegenden Materialien als Maßstab genommen wurde. Es sei an dieser Stelle insbesondere auf das Trainings- und Präventionsprogramm „Surf-Fair“ verwiesen, das von Pieschl und Porsch an der Universität Münster entwickelt wurde.

Allgemeine Hinweise zum Umgang mit Internet und digitalen Medien

Wie bereits zu Beginn dieser Materialien ausgeführt, hängt das Thema Handy/Smartphone eng mit anderen Themen aus dem Bereich Internet/digitale Medien zusammen. Das Material des Unterrichtsthemas „Jugend und Internet“ behandelt weitere ausgewählte Inhalte.

Ziel

Die folgenden Unterrichtseinheiten behandeln den Umgang mit Cybermobbing. Dafür wird zunächst erarbeitet, dass nicht jedes unerfreuliche oder problematische Verhalten im Netz mit Cybermobbing gleichzusetzen ist, dass aber auf der anderen Seite bestimmte Handlungen auch gegen bestehende Gesetze verstoßen und sehr ernsthafte Folgen nicht nur im psychosozialen oder pädagogischen, sondern auch im rechtlichen Sinne nach sich ziehen können (UE2-b). Darauf aufbauend wird eine Reihe von Erste-Hilfe-Maßnahmen entwickelt, die helfen können, wenn jemand Opfer von Cybermobbing wird (UE2-c). Ein besonderer Schwerpunkt wird darauf gelegt, dass Schüler_innen verschiedene Anlaufstellen im Netz kennen, die ihnen Unterstützung gegen Cybermobbing bieten (UE2-d). Abschließend wird ein Verfahren vorgeschlagen, mit dem eine „digitale Klassenordnung“ mit Fokus auf den Umgang mit dem Handy/Smartphone in der Schule erarbeitet werden kann (UE2-e).

Zeitbedarf

Insgesamt beträgt der Zeitaufwand für die Unterrichtseinheiten ca. 135 Minuten. Sollte Modul 1 dieser Materialien nicht durchgeführt worden sein, wird ein 10-minütiger Einstieg ins Thema (UE2-A) zusätzlich empfohlen.

Unterrichtseinheiten des Moduls

[1]     Quelle: https://www.google.com/trends/explore#q=cybermobbing
[2]
    Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Suizid der kanadischen Schülerin Amanda Todd im Oktober 2012. Sie hatte Cybermobbing als Beweggrund für ihren Selbstmord in einem Video auf YouTube dokumentiert. Todd zeigte ihre Nachricht mithilfe von handgeschriebenen Zetteln, die sie in die Kamera hielt. Das Video ist unter http://youtu.be/vOHXGNx-E7E abrufbar und kann unter Umständen auch zur Diskussion im Unterricht eingesetzt werden.
[3]     Pieschl; Porsch 2012, S. 14ff
[4]     Pieschl; Porsch 2012, S. 18
[5]     Pieschl; Porsch 2012, S. 27
[6]     ebd., S. 28
[7]     ebd., S. 36ff
[8]     Pieschl; Porsch 2012, S. 40